«Ich habe mitbekommen, dass du im Knast bist. Mach Dir keinen Kopf. Alles wird gut» stand in einem Brief. In einem anderen wurde es wohl deutlicher – und in beiden Fällen ging es eher um das, was zwischen den Zeilen zu finden war.
Monatelang sollen Häftlinge und Komplizen außerhalb der Gefängnismauern Drogen per Brief in die Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim geschmuggelt haben. Dabei wurde kariertes Din-A4-Papier nach Ermittlerangaben mit dem synthetischen Cannabinoid «Spice» getränkt.
Dann wurden die Seiten beschrieben und als normaler Brief an die Abnehmer geschickt, wie es in der Anklage der Staatsanwaltschaft heißt. Kariertes Papier war demnach besonders vorteilhaft – weil sich der Stoff mithilfe der Karos kästchenweise portionieren ließ. 400 Euro soll eine solche Seite, die teils als Liebesbrief oder Anwaltspost getarnt gewesen sein soll, gekostet haben.
Die Absprachen für die Drogen-Geschäfte sollen auch über geschmuggelte Handys stattgefunden haben. Und diese soll ein muslimischer Theologe, der als Seelsorger in der JVA angestellt war und bei seinen Besuchen nicht kontrolliert wurde, ins Gefängnis eingeschleust haben.
Das gab er vor dem Landgericht München I, wo der Prozess gegen ihn und vier Mitangeklagte begonnen hat, auch zu. «Ich hab das deswegen gemacht, weil ich unter immensen Schulden stand», sagte der 37-Jährige. Er habe BaföG-Schulden gehabt und beim Freistaat Bayern nicht genug verdient. Außerdem habe er unter Burn-out gelitten, weil er allein für 600 muslimische Gefangene zuständig gewesen sei. «Ich kam mit der Tätigkeit als alleinstehender muslimischer Seelsorger nicht klar.»
Und dann sei auch noch die Abnehmspritze teuer gewesen, die er wegen seines Übergewichts genutzt habe. «Körperlich bin ich nicht Topmodel», sagte er. «Ich wollte Abnehmspritzen finanzieren.» Denn er habe «immense Probleme wegen meines Übergewichts» gehabt. Seine Probleme in Summe: «Schlaflosigkeit, Burn-out. Stress, starkes Übergewicht», sagte er. «Deswegen habe ich diesen Weg mir ausgesucht.»
Dass er wissentlich auch einen mit Drogen getränkten Brief in die JVA geschmuggelt habe, bestritt er. Er sei davon ausgegangen, es handle sich um «einen Sexbrief» – «mit Fotos und obszönen Inhalten».
Zwei weitere Angeklagte räumten ihre Beteiligung an den Drogengeschäften zu Prozessbeginn ebenfalls ein, auch die übrigen beiden kündigten über ihre Verteidiger Einlassungen an. Einer gab an, er habe vor allem seinem zu einer Haftstrafe verurteilten Bruder die Zeit im Gefängnis erleichtern wollen und ihm darum Drogen besorgt.
Die Staatsanwaltschaft wirft den Männern unter anderem bandenmäßiges Handeltreiben mit Betäubungsmitteln vor. Der Gefängnisseelsorger ist zudem wegen Bestechlichkeit angeklagt. Bis Ende Oktober hat das Landgericht insgesamt neun Verhandlungstage angesetzt.
Quelle: dpa