Vielleicht ist es das größte Unglück mancher Menschen, dass sie zur falschen Zeit geboren werden. Als Ingeborg Bachmann vor 100 Jahren zur Welt kam und auch, als sie später zur berühmten Schriftstellerin wurde, gab es kaum andere Frauen im Literaturbetrieb. Entsprechend musste sich die junge österreichische Star-Autorin von anderen Männern allerhand anhören, was heute undenkbar wäre.
Man kann das nachvollziehen im Dokumentarfilm «Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war», den Regina Schilling jetzt ins Kino bringt. Bachmann wird darin verkörpert von Sandra Hüller. Die Regisseurin beschreibt das Konzept im Film so: «Wir stellen uns einen Tag in ihrem Leben vor, in ihren letzten Jahren in Rom. Alkohol- und tablettenabhängig. Allein und zurückgezogen.»
Im Vordergrund stehen Bachmanns Gedanken über Geschlechterverhältnisse, Liebe und Identität. Die Autorin hat zum Beispiel schon 50 Jahre, bevor das ein Ding wurde, sehr lustig über «Mansplaining» nachgedacht (was sie natürlich nicht so nannte).
Der Film ist bewusst nicht erklärend, eher assoziativ. Es ist ein Mix aus improvisierten Szenen mit Hüller als Bachmann, Archivmaterial und Bachmanns eigener Stimme. Hüller verkörpert die Schriftstellerin nur indirekt, spricht nie als klassische Filmfigur. Wir sehen sie sozusagen dabei, wie sie erprobt, Bachmann zu sein, und über deren Texte nachdenkt.
Sie läuft dann zum Beispiel durch eine Wohnung in Rom, mit einer Perücke sowie Kleidung, die jener Bachmanns nachempfunden ist. Oft ist sie in einen babyblauen Bademantel gekleidet. Immer raucht sie. Aus dem Off ertönen Bachmanns Texte – oder Texte über sie.
Eingespielt wird zum Beispiel folgendes Zitat. Ein gemeinsamer Freund schreibt an Bachmanns zeitweisen Partner, den Dichter Paul Celan: «Ich glaube, es wäre gut, wenn du Inge nicht mehr wiedersehen wolltest, da sie sehr unfraulich ist und nur nach ihrer eigenen Wirrnis leben kann.»
Ein Interviewausschnitt mit Marcel Reich-Ranicki wird eingespielt. Er sagt, dass es neben Bachmann kaum Autorinnen gebe und hält fest: «Das ist nun mal so, dass die Frauen offenbar zu anderen Funktionen im Leben vor allem bestimmt sind.» Der Herausgeber und Lyriker Hermann Hakel unterstellt Bachmann einen «krankhaften» und «herrschsüchtigen Ehrgeiz». Andere sagen, sie sei peinlich, exhibitionistisch, oder «sicher ein sehr schwieriger Mensch».
Über ihren ebenfalls sehr ehrgeizigen, späteren Partner Max Frisch – der seine Beziehung zu Bachmann literarisch recht plakativ verarbeitete – gab es solche Zitate damals (zumindest öffentlich) nicht.
Heute ist das Geschlechterverhältnis im Literaturbetrieb ein anderes. Entsprechend hat sich das Sprechen über Autorinnen verändert. Die literarische Bewertung von Ingeborg Bachmann ist indes gleich geblieben: Sie gilt als eine der besten deutschsprachigen Autorinnen aller Zeiten.
Im Interview sagt Hüller über Bachmann: «Sie hat mich tatsächlich seit meiner Jugend begleitet. Als jemand, die die sehr akkurat über Vorgänge berichten kann. Als jemand, die genau zugeschaut und zugehört hat. Das hat mich immer fasziniert.»
Nach dem Holocaust rang die Österreicherin, deren Vater 1932 der NSDAP beitrat, um eine Sprache, die unaussprechliche Gewalt sichtbar machen könnte. Ihr Roman «Malina», mit dem der Dokumentarfilm beginnt und auch endet, handelt von politischer und zwischenmenschlicher Gewalt. Lange, bevor es Thema in Österreich wurde, thematisierte sie darin das Fortwirken des Faschismus nach Kriegsende.
«Malina» handelt am Ende von der Frage, ob weibliches Erzählen in einer von patriarchaler Gewalt aufs Übelste gezeichneten Welt überhaupt möglich ist. Auch im echten Leben musste Bachmann das immer wieder beantworten, vermutlich auch sich selbst. An einer Stelle im Film ist zu hören, wie sie sagt: «Ich bin keine Frau. Ich will sagen: Ich bin nicht ganz eine Frau. Ich bin ein Irrtum.»
Schilling sagt dazu: «Diese Texte hat sie nach ihrer Gebärmutterentfernung geschrieben. Hatte dieser Identitätskonflikt zu tun mit der Operation? Hat es damit zu tun, dass sie von Anfang an so ein Brain gewesen ist? Also so eine Intellektuelle, auch schon als Mädchen. Das war ja eher „männlich konnotiert“ und sie hat sich vielleicht deswegen nicht weiblich genug gefühlt? Oder hat sie sich von Anfang an sozusagen im falschen Körper gefühlt? Das ist alles möglich und ich kann das nicht beantworten.»
Hüller deutet es so: «Dadurch, dass sie eben so gut beobachten, zuhören konnte, hat sie natürlich gemerkt, dass es verschiedene Anteile gibt, wie in jedem Menschen. Nur hat sie das eben verbalisiert.»
Hätte Bachmann es besser gehabt, hätte sie in einer anderen Zeit gelebt? Hüller sagt: «Ich denke, dass es auf jeden Fall andere Wege gegeben hätte mit dem, was in ihr sozusagen unerlöst war oder ungelöst. Dass man damit anders hätte umgehen können. Dass es dafür heute andere Begriffe gibt oder eine andere Auseinandersetzung damit.» Gleichzeitig habe das Ringen mit dem, was zu ihrer Zeit nicht möglich gewesen ist, auch ihr Werk ausgemacht.
Schilling war wichtig, dass die Schriftstellerin im Film nicht als Opfer gezeigt wird. «Dass sie nicht nur über ihre Männergeschichten erzählt wird, was oft in der Beschäftigung mit Bachmann so rüberkommt, zumal ja auch vor drei Jahren erst dieser Riesenbriefwechsel mit Max Frisch erschien», sagt sie.
Stattdessen immer wieder im Fokus: das sprechende Werk. Im Film kommt etwa das Gedicht «Eine Art Verlust» vor, das vom Ende einer Liebe handelt. Die Lyrikerin zählt darin Alltagsszenen eines geteilten Lebens auf: «Gemeinsam benutzt: Jahreszeiten, Bücher und eine Musik./ Die Schlüssel, die Teeschalen, den Brotkorb, Leintücher/ und ein Bett./ Eine Aussteuer von Worten, von Gesten, mitgebracht,/ verwendet, verbraucht (…).»
Bachmann, die mit 47 Jahren nach einem selbst verursachten Unfall mit schweren Brandverletzungen starb, beendete das Gedicht mit den Worten: «Nicht dich habe ich verloren,/ sondern die Welt.»
Quelle: dpa