Gewalttat an Gymnasium

Hätte der Angriff von Schongau verhindert werden können?

14. Oktober 2026 , 11:10 Uhr

Ermittler hatten den 16-Jährigen lange auf dem Schirm, bevor er Ex-Mitschüler mit zwei Messern und einer Pistole attackierte. Bayerns Innenminister verteidigt die Polizei – sieht aber Klärungsbedarf.

Lehrkräfte, Polizisten, Mitschüler – sie alle verhinderten vermutlich noch Schlimmeres, als ein 16-Jähriger im Juli Schülerinnen an einem Schongauer Gymnasium mit zwei Messern und einer Pistole angriff. Zwei damals 13-Jährige wurden schwer verletzt und lange im Krankenhaus behandelt. Schnell wurde danach klar: Der Angreifer war der Polizei wegen des Verdachts auf einschlägige Drohungen bekannt. 

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) erklärte sich dazu im Innenausschuss des Landtags gegenüber der Opposition. Hätte der Angriff verhindert werden können? Was bisher dazu bekannt ist:

Was ist am 8. Juli in Schongau passiert?

Gegen 12.50 Uhr griff ein 16 Jahre alter ehemaliger Schüler mit einer Pistole und zwei Messern Menschen am Schongauer Welfen-Gymnasium an. Ein erster Schuss traf niemanden, danach versagte die Waffe – was wohl Schlimmeres verhinderte: Laut einer Antwort des bayerischen Innenministeriums auf eine Anfrage des Grünen-Landtagsabgeordneten Florian Siekmann hatte der Jugendliche sechs Schuss Munition bei sich. Letztlich nahm er eines seiner Messer aus dem Rucksack und stach am Eingangsbereich der Schule von hinten auf zwei damals 13-jährige Schülerinnen ein. Sie wurden schwer verletzt. 

Lehrkräfte und Polizisten überwältigten den Angreifer, bevor er weitere Menschen verletzen konnte. Mitschüler versorgten die stark blutenden Mädchen und retteten ihnen womöglich das Leben – ein Verhalten, das Herrmann als «herausragend und vorbildlich» lobte. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) stellte den Helfern «Rettungsmedaillen oder Ähnliches mehr» in Aussicht, wie er dem Radiosender Antenne Bayern sagte.

Was ist zum Motiv bekannt?

Nach dem Angriff tauchte ein Schreiben auf, das laut Herrmann nach derzeitigen Ermittlungen vom mutmaßlichen Täter stammt. Das Dokument ist von Beschimpfungen mehrerer Religionsgemeinschaften und Bevölkerungsgruppen durchsetzt, beleidigt werden aber auch Menschen aus dem Umfeld des Verfassers, darunter Mitschüler und Lehrkräfte. 

«Es ist unter anderem durch Frauenhass, durch Queerfeindlichkeit, durch Rassismus und Antisemitismus geprägt», sagte der CSU-Politiker. «Aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse wurde die Tat durch die Polizei als rechte Gewalttat eingestuft.» Wegen dieser Hinweise auf ein extremistisches Motiv ermittelt die bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München in dem Fall.

Ein Vertreter des bayerischen Justizministeriums sagte im Innenausschuss, vorläufig gebe es keine Hinweise, dass die Schuldfähigkeit des Jugendlichen durch eine psychische Erkrankung vermindert gewesen sein könnte. Das Gutachten dazu werde aber noch erstellt.

Weshalb hatten die Behörden den 16-Jährigen auf dem Schirm?

Der Jugendliche soll schon im März 2025, also mehr als ein Jahr vor dem Angriff, Amokläufe in sozialen Medien verherrlicht haben. Deshalb leitete die Staatsanwaltschaft München II Ermittlungen wegen des Verdachts auf Billigung von Straftaten gegen ihn ein. Im Zuge dessen durchsuchten Beamte auch die Wohnungen seiner Eltern und fanden unter anderem eine Schutzweste, mehrere Messer und eine Sturmhaube.

Im Dezember 2025 kam noch ein weiterer Verdacht dazu: Der 16-Jährige soll einem Mitschüler etwas gesagt haben, das als Androhung von Straftaten gewertet werden könnte. Der Teenager sei dazu befragt worden, die Ermittler stimmten sich auch mit Jugendamt und Schule ab. 

Der Jugendliche wurde befristet von der Schule ausgeschlossen, bevor er die Schule wechselte. In U-Haft kam der 16-Jährige aber nicht. Bis zum Angriff wurde er nicht mehr auffällig – auch ein psychiatrisches Gutachten wurde bis zur Tat nicht fertig.

Warum wurde damals nicht schärfer reagiert?

Ausreichende Gründe, um Untersuchungshaft für den Jugendlichen zu beantragen, habe es vor dem Angriff «zu keinem Zeitpunkt» gegeben, schreibt das Innenministerium. Auch das Bedrohungsmanagement der Polizei sei nicht einbezogen worden, weil der 16-Jährige nicht als «Risikoperson» nach den dafür festgelegten Kriterien eingestuft worden sei. 

Dazu müssten laut Ministerium «objektive Hinweise vorliegen», welche die Einschätzung zulassen, dass die betreffende Person künftig schwerwiegende Straftaten begehen wird. Mit den damals bekannten Fakten sei das nicht der Fall gewesen, schreibt das Ministerium.

Ein Messer zu finden, sei «leider inzwischen eher die Regel, als dass es die Ausnahme ist», sagte Oliver Penonic vom bayerischen Innenministerium. Was damals angezeigt gewesen war, habe die Polizei getan.

Wie konnte der 16-Jährige an eine Schusswaffe kommen?

Die Ermittlungen dazu laufen noch. Nach dpa-Informationen hatte der Kroate nach der Tat gegenüber Ermittlern angegeben, sich die Waffe im Darknet besorgt zu haben. Die Ermittler beschäftigen sich deshalb weiter mit der Frage, woher die Pistole genau stammte. «Dem Hersteller würde ein Verstoß gegen das Waffengesetz zur Last gelegt werden», teilte die Generalstaatsanwaltschaft München mit.

Was wird den Behörden vorgeworfen?

SPD-Politikerin Christiane Feichtmeier warf der Staatsregierung vor, das «hervorragend ausgebildete Gefährdungsmanagement der Polizei» nicht eingeschaltet zu haben: «Da sind die Spezialisten für solche Fälle.» Bei ihr blieben am Ende der Aussprache Zweifel: «Haben wir wirklich alles Mögliche getan, um den Täter im Vorfeld schon von seinen Taten abzubringen?»

Vertreter des Innenministeriums betonten, die Polizei habe viel getan, obwohl der Jugendliche nicht formal als Risikoperson eingestuft worden sei: Die Beamten hätten ihn unter anderem über Wochen betreut, den Schulsozialarbeiter einbezogen und er habe einen Präventionskurs mitgemacht. Man registriere in Bayern aber «weit über 600 Taten» im Jahre «mit solchen Androhungen», sagte Penonic. «Da kann nicht jeder in das Bedrohungsmanagement aufgenommen werden.»

Innenminister Herrmann mahnte, immer mehr der Täter seien minderjährig – und entsprechend sensibel sei bislang der Umgang mit den Verdächtigen. «Wir können nicht jeden sofort, der irgendeinen Unsinn verbreitet, einsperren», sagte Herrmann. «Aber wir müssen zum Schutz der Allgemeinheit diese Einzelfälle ernster nehmen und wirklich eng dranbleiben.»

Quelle: dpa

 

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