40 Jahre «The Final Countdown»

Europe mit neuem Album im Jubiläumsjahr: «Wir sind beides»

23. September 2026 , 09:29 Uhr

Kaum ein Intro ist so berühmt wie das von «The Final Countdown». Nun legt die Band Europe ein nachdenkliches Album vor. Sänger Joey Tempest verrät, warum sich alte Songs beim Proben seltsam anfühlen.

Neun Jahre haben sich Europe Zeit gelassen für ein neues Studioalbum. Dass es so lange gedauert hat, war eine bewusste Entscheidung. «Wir waren mutig genug, so lange zu warten, bis wir mit allem zufrieden waren», sagt Sänger Joey Tempest im Interview der Deutschen Presse-Agentur.

«Come This Madness» ist das zwölfte Studioalbum der schwedischen Rockband, die in diesem Jahr auch das 40. Jubiläum ihres Klassikers «The Final Countdown» feiert.

Die letzten drei Europe-Alben seien innerhalb kurzer Zeit und sehr spontan entstanden, erzählt Tempest, der seit langem in London lebt, für die Bandproben aber in Stockholm weilt. «Für „Come This Madness“ wollten wir das Album selbst mitproduzieren, es arrangieren, die Demos immer wieder neu aufnehmen und als Band hart daran arbeiten.

Erste Ideen entstanden schon während der Corona-Pandemie. Tempest saß zu Hause mit seiner Akustikgitarre, verfolgte die Nachrichten und nahm Melodien und Textentwürfe auf. Zwei Stücke, «This Time Of Year» und «Nothing Can Follow This», basieren sogar auf rund zehn Jahre alten Ideen, die erst jetzt ihre endgültige Form fanden.

Ein nachdenkliches Europe-Album

«Come This Madness» ist ein kraftvolles Hardrock-Album mit großen Melodien und eingängigen Refrains. Inhaltlich klingt es spürbar nachdenklicher als frühere Europe-Platten. «Am Anfang waren wir eine Hardrock-Band, die vor allem etwas singen wollte, das cool klang», sagt Tempest und lacht. Man denke an Songs wie «Rock The Night» oder «Let The Good Times Rock». «Heute legen wir viel mehr Wert auf die Texte.»

Früher sei fast immer die Musik zuerst entstanden. Heute sei es manchmal umgekehrt. Dass er seit Jahrzehnten in Großbritannien lebt, habe seine Art zu schreiben verändert. «Mir wurde klar, dass die Menschen in England und Amerika sehr genau auf Texte hören. Wenn der Text nicht überzeugt, verlieren sie das Interesse am Song», sagt der 63-Jährige. «In Skandinavien stört es die Menschen nicht so sehr, wenn ein Text nicht perfekt ist, solange die Melodie stimmt.»

Als Einflüsse nennt Tempest Bob Dylan, Neil Young, Randy Newman, Jackson Browne oder Bruce Springsteen. «Springsteen und Brandon Flowers können mit ihren Texten auf unglaubliche Weise poetische Bilder malen», sagt er. Beim abschließenden «Nothing Can Follow This» habe er selbst versucht, einen besonderen Moment auf diese Weise einzufangen.

Europe beobachten eine verrückte Welt

Die Texte auf «Come This Madness» sind auch eine Reaktion auf das aktuelle Weltgeschehen. Die Single «The Cult Of Ignorance» wurde durch einen Essay des Autors Isaac Asimov angeregt, der 1980 vor einer wachsenden Geringschätzung von Bildung warnte. Der Song beschäftigt sich mit einem verzerrten Verständnis von Demokratie.

Noch deutlicher wird der kurze, orchestrale Titel «In The Absence Of Grace». Darin singt Tempest: «In a nation of lies, the truth becomes treason» («In einem Land der Lügen wird die Wahrheit zum Verrat»). Gemeint sei keine bestimmte Person, betont er. «Es geht um einen größeren Zusammenhang. An einigen Orten der Welt scheint der moralische Kompass völlig verrücktzuspielen.»

Als politische Band sieht Tempest Europe trotzdem nicht. «Wir verstehen uns als Musiker und Entertainer», stellt der Sänger klar. Gesellschaftliche Themen hätten sich in den vergangenen Jahren aber zunehmend in die Texte eingeschlichen. «Es sind eher Beobachtungen.» Den erhobenen Zeigefinger gibt es auf «Come This Madness» nicht.

«Diese Band sind wir heute gar nicht mehr»

Wie sehr sich Europe verändert haben, wurde den Musikern bei den Proben für ihre neue Tournee bewusst. Anlass ist das 40. Jubiläum des Kultalbums «The Final Countdown», das die Schweden vor allem dank des Titelsongs 1986 zu Weltstars machte. Das berühmte Keyboard-Intro («Dö-dö-döö-dö, dö-dö-dö-dö-dööö») hat sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt.

Das Spielen der alten Songs habe sich anfangs ungewohnt angefühlt, erzählt Tempest. «Ich sagte zu John (Norum, Gitarrist) und Mic (Michaeli, Keyboarder): „Es ist so seltsam, diese Songs zu spielen. Diese Band sind wir heute gar nicht mehr.“» Doch dann seien die Erinnerungen zurückgekommen und seine Einstellung habe sich geändert. «Wir sind auch diese Band. Wir sind beides.»

«The Final Countdown» bleibt nach vier Jahrzehnten untrennbar mit Europe verbunden. Der Song ist bei Familienfeiern, Sportveranstaltungen und Heavy-Metal-Festivals gleichermaßen populär.

Soundtrack für eine Lasershow

Tempest hatte zunächst ein etwa einminütiges Keyboard-Demo geschrieben. Ein Nachtclub, den die Musiker damals regelmäßig besuchten, nutzte es um Mitternacht für eine Lasershow. «Wir standen dort und tranken etwas und dachten plötzlich: Das könnte doch der Anfang unserer Konzerte sein.»

Zum Text wurde Tempest nach eigener Aussage von David Bowies «Space Oddity» inspiriert. Viele mögliche Textzeilen habe er ausprobiert, bevor ihm die entscheidenden Worte einfielen. «Als ich „The Final Countdown“ sang, war das ein euphorischer Moment. Die Worte hatten eine Bedeutung und klangen gleichzeitig gut.»

Auf ihrer Jubiläumstour wollen Europe das Album «The Final Countdown» in voller Länge spielen – dazu weitere Klassiker, Songs der jüngeren Bandgeschichte und natürlich von «Come This Madness». Die Schweden geben zwei Konzerte in Deutschland – am 16. Oktober in Stuttgart und am 19. Oktober in Berlin.

Quelle: dpa

 

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