Viel Pathos, wenig Streit und ein kleiner Dämpfer für den Co-Vorsitzenden: Bei einem von lauten Protesten begleiteten Bundesparteitag bestätigen AfD-Delegierte die Co-Vorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla im Amt. Gegenkandidaten gibt es nicht. Weidel erhält 81,3 Prozent und kann sich damit minimal verbessern im Vergleich zur Wahl vor zwei Jahren. Chrupalla schneidet mit rund 70 Prozent deutlich schwächer ab als 2024. Damals erhielt er 83 Prozent Zustimmung. Hinterher sagt er, immerhin hätten ihm mehr als zwei Drittel der Delegierten ihre Stimme gegeben.
Größere Kontroversen bleiben aus – womöglich auch um den Wahlkämpfern keine Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Ein Antrag zur Überarbeitung der Unvereinbarkeitsliste der AfD wird inhaltlich nicht diskutiert. Die Co-Vorsitzende Weidel schlägt stattdessen vor, der neue Parteivorstand solle die Liste überarbeiten. Die verhindert bislang, dass ehemalige Mitglieder extremistischer Gruppierungen in die AfD aufgenommen werden. «Der Bundesvorstand hätte das schon längst machen müssen», sagt Weidel. Daraufhin ziehen Delegierte, zu denen der Thüringer Landesvorsitzende Björn Höcke zählt, den Antrag zurück.
Der 51 Jahre alte sächsische Malermeister Chrupalla und die 47 Jahre alte Wirtschaftswissenschaftlerin Weidel führen die AfD seit Sommer 2022 gemeinsam. Weidel hat sich zur prominenten AfD-Führungsfigur entwickelt. Chrupalla steht schon seit November 2019 an der Spitze der AfD und ist damit der inzwischen dienstälteste Chef der AfD seit ihrer Gründung 2013.
Weidel spricht von einem «Superwahljahr» 2026 für die AfD. Immer wieder brandet Applaus auf, wenn die wahlkämpfenden Spitzenkandidaten in den Reden genannt werden. In Sachsen-Anhalt wird am 6. September ein neuer Landtag gewählt, in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin am 20. September. In Sachsen-Anhalt steht die AfD seit Monaten in Umfragen auf Platz eins und rückt mit Werten jenseits der 40-Prozent-Marke an die Möglichkeit heran, eine absolute Mehrheit zu erreichen. Die Partei wird vom Verfassungsschutz unter anderem in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.
Höcke sagt, die AfD müsse heilen. «Wir müssen einen Teil der Nation auf die Couch legen und therapieren. Es geht darum, Deutschland wieder mit sich selbst zu befreunden. Wir müssen unsere Identität wieder gewinnen.»
Die zweite Reihe des Bundesvorstandes wird von den rund 600 Delegierten komplett ausgetauscht.
Die restlichen Posten im Bundesvorstand werden teils mit bekannten, teils mit neuen, jüngeren Gesichtern besetzt. Zu denen, die im Amt bestätigt werden, zählt etwa Dennis Hohloch aus Brandenburg. Er sagt: «Wir wollen nicht, dass Deutschland wird wie Offenbach.» Die Stadt in Hessen ist die deutsche Stadt mit dem höchsten Ausländeranteil. Unter den Neuen ist der Chef der im Herbst gegründeten Nachwuchsorganisation, Generation Deutschland, Jean-Pascal Hohm. Er sagt, ihm sei wichtig, «dass unsere Kinder und Kindeskinder wieder in Sicherheit, Freiheit und Wohlstand leben können, als Deutsche in Deutschland unter Deutschen, darunter machen wir es nicht».
Der Parteitag wird von umfangreichen Protesten und einigen Blockade-Aktionen begleitet. Mehr als 30.000 Demonstranten sind laut Polizei in Erfurt unterwegs. Veranstalter sprechen von 50.000 Teilnehmern. Trotz zwischenzeitlicher Blockaden auf Zufahrtsstraßen beginnt das Treffen ohne Verzögerungen. Denn die meisten der rund 600 AfD-Delegierten sind bereits in den frühen Morgenstunden gemeinsam mit Reisebussen und Polizeibegleitung angereist. Einem Sprecher zufolge waren vor 5.00 Uhr bereits 540 Delegierte auf dem Gelände.
Chrupalla eröffnet das Treffen mit den Worten: «Der frühe Vogel fängt den Wurm.» Die «Randalierer von der Antifa» hätten «ihr eigenes Störmanöver verschlafen». Weidel ruft ihre Partei unter großem Jubel dazu auf, «das gesamte Land» in Schwarz-Rot-Gold zu tauchen.
Chrupalla bemüht sich, Gräben zuzuschütten. Dabei widerspricht er indirekt Höcke. «Der Westdeutsche ist genauso Deutscher wie der Ostdeutsche», betonte Chrupalla, der aus Sachsen stammt.
Im Juni hatte ein Höcke-Interview für Kritik gesorgt. Darin hatte er als wichtige Ursache für gesellschaftliche Polarisierung und Ost-West-Unterschiede gesagt: «Im Osten sind die Menschen noch Deutsche, im Westen haben sie über Jahrzehnte eine Ersatzidentität gefunden und haben sich von der amerikanischen Kultur völlig usurpieren lassen». Usurpieren bedeutet, etwas zu verdrängen und seinen Platz einzunehmen.
Höcke, selbst im Westen aufgewachsen, zitierte außerdem einen Satz, den er «irgendwo gelesen» habe, der gut reinpasse: «In der westlichen Republik gibt es deutsch sprechende Amerikaner oder wohnen deutsch sprechende Amerikaner und im Osten der Republik wohnen deutsch sprechende Deutsche.» Der Amerikanismus sei eine Antithese zum Deutschtum, sagte er auch.
Quelle: dpa