Bundesliga-Karriere

Abpfiff für Aytekin: «Die Menschen verzeihen einem Fehler»

12. Mai 2026 , 08:00 Uhr

Deniz Aytekin kennt jeder, der regelmäßig Fußball schaut. Jetzt verschwindet der Schiedsrichter nach fast 18 Jahren von der Bundesliga-Bildfläche. Warum er darüber nicht unglücklich ist.

Deniz Aytekin sitzt da, wo alles angefangen hat, und schaut sich lächelnd um. Früher sei die Schiedsrichter-Kabine des TSV Altenberg eher eine Rumpelkammer gewesen. «Da ist renoviert worden. Es riecht so frisch», sagt er. Im März 1995, mit 17 Jahren, leitete der Franke – nach einem Lehrgang – erstmals ein Fußballspiel: Altenberg gegen Cadolzburg, B-Jugend. «Ich war eigentlich völlig planlos, weil ich nicht wusste: Was mache ich jetzt? Wie gehe ich da raus?»

Am kommenden Samstag endet alles: Aytekin wird am letzten Spieltag sein letztes Bundesliga-Spiel pfeifen. Sein 254. im Oberhaus. Abpfiff für einen, der am Anfang nach eigener Aussage Härte mit Stärke verwechselte, als arrogant galt und 2011 von den Profis zum schlechtesten Referee gewählt wurde. Längst gilt er als der beliebteste – und vielleicht auch beste.

Seinen Abschied – die frühere Altersgrenze von 47 Jahren beim DFB gibt es nicht mehr – hatte Aytekin schon im vergangenen Jahr angekündigt. «Da fiel es mir relativ leicht, weil ich mir gedacht habe, das ist noch ewig hin. Aber jetzt wird es natürlich schon schwerer. Überall, wo man hinkommt, ist es das letzte Mal, dass man dort war», sagt der 47-Jährige im dpa-Gespräch über seine Abschiedstour.

Manche Zuschauer beim Warmlaufen begrüßt

Aytekin wird «die ganzen Begegnungen vermissen» und er meint in erster Linie gar nicht die Spieler, Trainer und Manager. «Die werden mir auch fehlen. Aber hauptsächlich die Menschen, die ganz normal in die Stadien gegangen sind. Da gibt es ja Leute, die haben seit Jahren die gleiche Dauerkarte. Und wenn ich mich warm mache, dann habe ich teilweise Leute persönlich begrüßt, weil ich die dort schon immer sehe.»

Im Laufe der Jahre hat Aytekin, der nie bei einer WM oder EM pfeifen durfte, weil andere wie Felix Brych vor ihm standen, einen ganz persönlichen Stil auf dem Rasen entwickelt: souverän, manchmal fast lässig in der Körpersprache und Gestik, immer mal wieder ein Lächeln auf den Lippen – und ganz oft im Gespräch mit den Profis, die den 1,97-Meter-Schlaks schätzen gelernt haben. 2020 wählten sie ihn in einer «Kicker»-Umfrage erstmals zum besten Schiri. Der Deutsche Fußball-Bund zeichnete ihn 2019, 2022 und 2024 als seinen Top-Referee aus. 54 Europacup-Spiele hat er auch geleitet.

«Außergewöhnliche Akzeptanz und Wertschätzung»

«Mit Deniz Aytekin verlässt ein herausragender Schiedsrichter und Mensch die Fußballbühne. Seine Akzeptanz und seine Wertschätzung bei Spielern, Trainern, Clubverantwortlichen und in der Öffentlichkeit sind außergewöhnlich», sagt Knut Kircher, der Chef der DFB Schiri GmbH. Er lobt dessen Kompetenzen vor allem im Spielmanagement und in der Kommunikation. «Deniz verfügt zudem über ein exzellentes Fußballverständnis und ein tolles Wertesystem. Für sehr viele junge Unparteiische ist und bleibt er ein Vorbild.»

Ob Aytekin dem Verband irgendwie verbunden bleibt, ist offen. Jedenfalls nicht hauptamtlich. Denn der Diplom-Betriebswirt und Vater von zwei Kindern war und ist auch selbstständiger Unternehmer, «weil ich immer ein Stück weit diese Unabhängigkeit wollte».

«Man gibt sich da schon selbst komplett auf»

Der frühere FIFA-Referee arbeitet mit Wissenschaftlern zusammen, hält Vorträge vor Führungskräften. Hauptthema: Entscheidungen unter Druck, bei mangelnder Faktenlage, bei Unsicherheit. Wie in den Bundesliga-Stadien eben. Wenn alle Kameras auf ihn gerichtet sind, wenn erboste Fußballer nach einer Fehlentscheidung, die vielleicht doch gar keine war, auf ihn zustürmen. Wenn Trainer an der Seitenlinie und die Fans auf der Tribüne toben. 

«Man gibt sich da schon selbst komplett auf. Work-Live-Balance gibt’s da nicht. Das ist dann eher Work-Work-Balance», sagt Aytekin zu seiner Doppelbelastung. Künftig will er es so managen, «dass ich nicht ganz so drüber bin mit den ganzen Sachen, die ich mache». Spitzenschiedsrichter, das ist Leistungssport. Die Fitnesstests vor jeder Saison wird er am wenigsten vermissen. «Ich habe so viele Trainingseinheiten, so viele einsame Stunden auf diesem Sportplatz verbracht», sagt er und lässt den Blick über die Anlage des TSV Altenberg schweifen.

«Alle mal ein bisschen entspannen»

Mit der Dauerkritik, der Unparteiische ausgesetzt sind wie Köche der Hitze am Herd, kann er längst leben. Die sei manchmal berechtigt, manchmal aber eben auch überzogen. «Das ist immer so eine Wellenbewegung. Was die Menschen draußen vergessen, ist, dass der Fußball schneller geworden und die Medienentwicklung auch wahnsinnig ist.»

Immer komplexer sind auch die kognitiven Anforderungen geworden mit dem Knopf im Ohr. Natürlich könne man die Zusammenarbeit mit dem Videoassistenten verbessern, sagt Aytekin. «Aber so lange Menschen immer noch eine Entscheidung treffen, wird es immer Grauzonen geben mit einer Diskussion. Deshalb müssen wir halt alle mal ein bisschen entspannen.»

Erschütterung über eine Mail vom Chefarzt

Wie er mit Hasskommentaren in den sozialen Medien umgehe? «Ich lese deutlich weniger – bis gar nichts. Wir haben nicht unbedingt eine große Fanbase. Aber so lange das im Rahmen ist, halten wir viel aus.» Wenn Fans ihn als Blinden beschimpfen, da denke er sich: «Der ist jetzt halt emotionalisiert.»

Einmal aber, da reagierte Aytekin fassungslos: Fünf Tage nach einem Bundesliga-Spiel schrieb ihm ein Chefarzt einer renommierten Klinik. «Da war Arschloch noch das Freundlichste in dieser Mail. Da habe ich mir gedacht: Dieser Mensch soll ja anderen Menschen helfen. Das hat mich erschüttert.»

Er wandte sich dann an die Klinikleitung mit der Frage, ob die Patienten dort auch so behandelt werden. «Die Reaktion war sehr positiv und wir haben das dann geklärt.» Im Fußball habe er gelernt, dass man sich auch in einem extrem emotionalen Umfeld Respekt, Wertschätzung und Anerkennung erarbeiten könne. «Ich nehme auch mit», sagt Aytekin mit Blick auf sein künftiges Leben, «dass natürlich Leistung extrem wichtig ist. Aber gleichzeitig verzeihen einem die Menschen Fehler, wenn sie spüren, dass da ein Mensch agiert.»

Quelle: dpa

 

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