© Daniel Karmann

Zwischen Pailletten, Federn und falschen Brüsten

Nürnberg (dpa/lby) – «Paradies» steht in großen Lettern über dem Eingang. Der lila Stoff über den Fenstern ist von Sonne und Regen ausgeblichen. Die Scheiben sind von innen mit Samt verhängt. Statt ins Innere des kleinen Theaters blickt man durch die Fenster auf Bilder und Plakate von Travestiekünstlern. Das «Paradies» ist das letzte reine Travestietheater Süddeutschlands. Von Dienstag bis Samstag bietet es jeden Abend eine Show mit Solo- und Ensemblenummern, mit Federboas, Pailletten und Musik.

Seit 1978 gibt es das Theater, seit 1990 gehört es Thomas Heber. Sein Lebenspartner Peter Schneider hatte bereits als Travestiekünstler im «Paradies» gearbeitet, erzählt Heber. Er selbst sei dort Aushilfskellner gewesen. Einfach gefallen sei ihnen der Kauf damals nicht: «Wir hatten das Geld nicht.» Familie und Freunde sprangen ihnen bei – und schließlich gehörte das «Paradies» ihnen.

Drinnen schimmern die mit Samtstoff bezogenen Wände des Theaters im Licht der gedimmten Lampen. Dicht an dicht hängen Bilder von berühmten Gästen, darunter eine Autogrammkarte von Conchita Wurst. Kleine Tische füllen den Platz zwischen Bar und Bühne. Der Vorhang ist geschlossen, noch sind keine Besucher da. Die Vorbereitungen für die Show beginnen gerade erst. Mit einem Lappen wischt Heber über eine schon saubere Arbeitsfläche und erzählt.

«In den 90er Jahren kam der große Bruch», sagt er. «Am Anfang war es noch sensationell, ein Mann in Frauenkleidern.» Dann aber sei die Travestiekunst kommerziell geworden, und somit für viele auch nicht mehr so interessant. Die Besucherzahlen seien zurückgegangen, die Einnahmen auch.

«Wir sind durch eine harte Saure-Gurken-Zeit gegangen», sagt Heber. «Wir haben gekämpft.» Heber und Schneider stellten das Programm um: Statt wie früher mehrere Shows am Tag gibt es nun nur noch eine, die Nummern wechseln jeden Monat, ebenso die Künstler. Von der Stadt bekommt das «Paradies» keine Zuschüsse – weil es hin und wieder auch Striptease in den Shows gibt, sagt Heber.

Auch sonst hat das Theater keine Sponsoren, finanzieren könne es sich nur über den Getränkeverkauf. Die Eintrittskarten würden kaum Geld in die Kasse spülen: «Die Leute kommen zu 95 Prozent mit Freikarten.» Denn die meisten Besucher sind Stammgäste, und jeder, der eine Show verlässt, bekommt ein Ticket mit freiem Eintritt für den nächsten Monat. In Hinblick auf das Alter ist das Publikum bunt durchmischt: Von 18 bis 80 ist alles dabei, sagt Heber. Auffällig sei aber, dass die meisten Gäste Frauen seien – zu etwa 80 Prozent, schätzt Heber.

Zwischen Garderobe und Hauptraum stehen in einer Nische zwei Schaufensterpuppen mit Perücken, Make-up und paillettenbesetzter Kleidung. Kostüme, die Hebers Lebenspartner Peter Schneider selbst gemacht und bei Auftritten getragen hat. Ein gerahmtes Bild von Schneider steht auf einem Beistelltisch zwischen den Puppen. «Drei Jahre lang haben wir gekämpft», erzählt Heber mit leiser Stimme. Vor zweieinhalb Jahren starb sein Lebenspartner an Krebs. Auf dem Sterbebett habe er ihm versprechen müssen weiterzumachen, sagt Heber. Seitdem stemmt er alles alleine, begrüßt die Gäste, bedient, macht die Technik und plant das Programm. Bloß einen Barkeeper hat er, und ab und zu eine Garderobiere. Peter Schneider ist aber stets präsent: Jeder Gast läuft an dem Schrein mit seinen Kostümen vorbei, auch die Bandansage, die vor der Show die Gäste begrüßt, ist noch von ihm.

Auch in der Garderobe sind die Wände mit Bildern zugepflastert. Autogrammkarten hängen neben Fotos von Idolen, es gibt ein Schwarz-weiß-Porträt von Marlene Dietrich, Gruppenfotos mehrerer Travestiekünstler, Zeitungsausschnitte. An allen freien Stellen stehen mit schwarzem Edding geschriebene Sprüche. Zwischen zwei Spiegeln hängen bunte Kostüme mit Federn und Pailletten ordentlich auf Kleiderbügeln.

Vicky und Uli sind schon da und bereiten sich auf die Show vor. Immerhin dauert allein das Schminken eine Stunde, sagt Uli. Vicky lebt auch im Alltag als Frau. Mit 21 Jahren begann sie mit der Hormonbehandlung, um ihren Körper von männlich auf weiblich umzustellen, sagt sie. Damit sei sie unter den Travestiekünstlern aber eher eine Ausnahme. «Von halb sieben bis nach der Show sind wir Frauen», sagt Uli. Sonst würden die meisten Darsteller als Männer leben, und sich nur für den Auftritt als Frauen verkleiden.

Wenn Thomas Heber auf eines stolz ist, ist es die Atmosphäre unter seinen Helfern und den Künstlern. Die gute Stimmung übertrage sich auch auf die Gäste, nicht umsonst seien die meisten Besucher Stammkunden. Das «Paradies» solle für sie wie ein zweites Wohnzimmer sein. Für Heber selbst ist es mehr als nur sein Job: «Man macht das nicht zum Geld verdienen.» Das «Paradies» bedeutet ihm mehr als das. «Wir sind ein Familienbetrieb».