Englands Fußballerinnen feiern in London den EM-Titel., © Sebastian Christoph Gollnow/dpa

«War kein Traum»: England nach EM-Triumph im Fußball-Himmel

Nach einer ausgelassenen Partynacht trugen die Europameisterinnen Sonnenbrillen und wirkten müde. «Ein bisschen zu viel Alkohol» habe es gegeben, gab Englands Nationaltrainerin Sarina Wiegman zu, «aber das ist in Ordnung.»

Am Montag ging der Partymarathon weiter, auf dem Londoner Trafalagar Square wurden die Lionesses von Tausenden Fans gefeiert. Die stimmten den beliebten Klassiker «Football’s Coming Home» an, das selbstironische Lied über einen unverbesserlichen England-Fan, der trotz jahrelanger Enttäuschungen nicht aufhört zu träumen. Nach 56 Jahren sind die «Jahre der Schmerzen» vorbei.

«Es war kein Traum»

Vor fast genau einem Jahr wurde das Land zum letzten Mal enttäuscht, als die Männer das EM-Finale gegen Italien im Elfmeterschießen verloren und den Pokal wieder einmal verpassten. Jetzt, nach dem historischen Endspiel-Sieg gegen Deutschland, ist England endlich im Fußball-Himmel. «Macht Platz, Jungs, er ist zuhause», schrieb die Boulevard-Zeitung «The Sun». Die «Daily Mail» titelte: «Es war kein Traum, wir haben Deutschland im Finale geschlagen.»

Auf fast allen Titelbildern war Chloe Kelly zu sehen. Die eingewechselte Stürmerin hatte im Wembley-Stadion für den Moment des Abends gesorgt, als sie in der Verlängerung das Tor zum 2:1 schoss, danach ihr Trikot auszog und im Sport-BH jubelte. Die Szene lief am Montag immer wieder im Fernsehen. Kellys ungebremste Freude war symbolisch für das ganze Team – oder sogar die gesamte Nation, die 56 Jahre auf einen Titel warten musste.

Auch wenn der größte Fußball-Erfolg seit der Männer-WM 1966 von allen gefeiert wurde – es ist vor allem ein Triumph für den Frauen-Fußball. «Alles was wir wollten, war, die nächste Generation zu inspirieren», bekräftige Ella Toone, Torschützin zum 1:0 für England, «und das haben wir getan. Der Frauen-Fußball wird größer und größer.»

Wie viel bleibt von dem Schwung?

Offen ist, wie viel von dem Schwung bleibt, wenn die Liga im September wieder losgeht. Das Endspiel erlebten 87 192 Menschen im Wembley-Stadion, so viele wie noch nie bei einem EM-Spiel, auch nicht der Männer. Ob die Fans in Zukunft wöchentlich zu den Spielen kommen? «Hoffentlich können wir die Zuschauer, die wir im Sommer hatten, auch auf Vereinsebene ins Stadion bekommen», äußerte Toone die große Hoffnung aller Beteiligten.

Britische Medien erinnerten daran, dass der englische Fußballverband erst 1971 sein Verbot für organisierten Frauen-Fußball aufgehoben hatte, dass die Förderung in den 1990er Jahren begann, eine echte Professionalisierung aber erst 2009 nach dem verlorenen Finale gegen Deutschland begann. In der kurzen Zeit hat sich einiges geändert.

Trotzdem ist noch viel zu tun, da sind sich in England alle einig – Investition in Infrastruktur, in ein Sportangebot, das jedem Mädchen in England ermöglicht, Fußball zu spielen, unabhängig von Herkunft, Ethnie und sozialem Status. Die Lionesses haben mit dem Final-Erfolg beste Voraussetzungen dafür geschaffen. Auch Trainerin Wiegman war sich sicher: «Wir haben etwas in der Gesellschaft bewegt.»