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«Wie viel Pflege brauchen wir wo?» Bestandsaufnahme geplant

München (dpa/lby) – Die Arbeit in der Pflege muss deutlich attraktiver werden – das fordert der Gründungspräsident der Vereinigung der Pflegenden in Bayern (VdPB), Georg Sigl-Lehner. Dabei hält er nicht nur bessere Bezahlung für notwendig. Es komme auch viel zu oft vor, dass Pflegekräfte aus ihrer Freizeit geholt werden, weil Personal ausfällt, sagte er der Deutschen Presse-Agentur in München. Gegen solche Missstände vorzugehen, werde eine wichtige Aufgabe der VdPB sein, die am Mittwoch (3. April) ein neues Präsidium wählt. «Da muss sehr schnell etwas passieren», sagte Sigl-Lehner.

Die Vereinigung ist im April 2017 durch einen Beschluss des Landtags ins Leben gerufen worden. Mit den Gremienwahlen, die jetzt anstehen, soll die Gründungsphase enden. Danach soll die VdPB beginnen, kontinuierlich die Interessen der Pflegekräfte im Freistaat zu vertreten. Wichtig sei dabei eine gründliche Bestandsaufnahme, sagte die Vizepräsidentin Agnes Kolbeck. Denn es sei keineswegs klar, in welchen Teilen Bayerns die Probleme besonders groß sind. Daher müsse eine Frage geklärt werden: «Wie viel Pflege brauchen wir wo?»

Nach Schätzungen der VdPB arbeiten in Bayern rund 120 000 Frauen und Männer mit einer umfassenden Ausbildung in der Pflege. Dazu kommen 60 000 Hilfskräfte. Gebraucht würden aber deutlich mehr, so Sigl-Lehner. Dabei zeige sich immer öfter, dass zusätzliches Geld nicht ausreiche, um die Personalprobleme zu lösen. In dem Pflegeheim beispielsweise, das er selbst in Altötting leitet, könnten theoretisch zusätzliche Stellen geschaffen werden. Die Finanzierung dafür sei eigentlich gesichert, doch es fänden sich keine passenden Bewerber: «Das ist ein sehr großes Problem, man braucht auch die Menschen», so Sigl-Lehner.

Die VdPB hat eine konfliktreiche Gründungsgeschichte hinter sich. Der damalige Gesundheitsminister Markus Söder (CSU) hatte sich im Jahr 2011 für die Gründung einer Pflegekammer eingesetzt, in der alle Pflegekräfte Pflichtmitglieder sein sollten. Eine solche Organisation wäre auf Augenhöhe mit der Ärzte- oder der Apothekerkammer, hieß es von den Befürwortern, zu denen auch verschiedene Pflegeverbände gehören. Landespflegekammern gibt es inzwischen in den Bundesländern Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat erklärt, er würde auch die Gründung einer Pflegekammer auf Bundesebene unterstützen, wenn es dafür ausreichend Unterstützung aus den Pflegeberufen gebe.

Allerdings hatten unter anderem die Gewerkschaft Verdi und die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft von Anfang an Widerstand gegen eine Kammer mit Pflichtbeiträgen geleistet. Die Staatsregierung hat schließlich ihre Unterstützung einer Pflegekammer aufgegeben und hat 2016 die VdPB auf den Weg gebracht. Dort ist die Mitgliedschaft kostenlos, sie hat die Rechtsform einer Körperschaft des öffentlichen Rechts und finanziert sich aus Staatsgeldern.

Der Verband werde aber eine unabhängige Stimme der Pflege sein, versichert der Gründungspräsident Sigl-Lehner. Die Vizepräsidentin Kolbeck setzt dabei darauf, dass die Zahl der Mitglieder schnell zunimmt. Von derzeit rund 500 könnte sie in den nächsten Jahren hoffentlich auf 20 000 bis 30 000 steigen, sagte sie: «Die Pflege will, dass sich etwas ändert. Und wir sind der Weg dazu.»

Der Bayerische Landespflegerat, in dem 17 Organisationen aus dem Bereich der Pflege zusammengeschlossen sind, fordert gleichzeitig weiter die Errichtung einer Pflegekammer und lehnt die VdPB ab. Deren Gründungspräsident Sigl-Lehner hofft aber, dass die Konflikte überwunden werden können: «Wir sollten nicht die Zeit damit vertun, dass wir uns über den richtigen Weg streiten.»