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Theologe: Papst-Entscheidung zeigt, wie ernst es ist

München/Rom (dpa) – Der Theologe Daniel Bogner sieht in der Ablehnung des Rücktrittsgesuchs von Kardinal Reinhard Marx auch ein Risiko. «Wenn bei der baldigen Veröffentlichung des Münchner Berichts zum sexuellen Missbrauch herauskommt, dass auch Kardinal Marx Mitschuld trifft, wird es schwierig», sagte der Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg in der Schweiz der Deutschen Presse-Agentur.

«Ein eventuell dann doch notwendiger Rücktritt würde auch den Papst belasten. Man wird dann fragen: Hat er die Hinweise auf die persönliche Schuld, von denen Marx ja selbst spricht, nicht ernst genug genommen? Dass Franziskus dieses Risiko sehenden Auges eingeht, zeigt, wie ernst es um die Kirche bestellt ist.»

Papst Franziskus hatte den Rücktritt des Erzbischofs von München und Freising am Donnerstag überraschend schnell abgelehnt. «Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising», schrieb das Oberhaupt der katholischen Kirche in einem Brief an Marx, den der Heilige Stuhl veröffentlichte.

«Der Papst signalisiert mit seiner Entscheidung: Er braucht Marx als reformpolitisches Schwergewicht in der gegenwärtigen Situation der Kirche dringend», sagte Bogner. Marx habe nun «die volle Prokura, mit offenem Visier für Anliegen zu kämpfen, bei denen er bisher vielleicht doch eher diplomatisch verhalten agiert hat, weltkirchlich und innerhalb der deutschen Kirche».

Den Rücktritt anzunehmen und dann «mühevoll nach einem einigermaßen adäquaten Nachfolger zu suchen», hätte womöglich eine wenig kraftvolle Botschaft gesendet, sagte Bogner. Aber die Entscheidung sei nicht ohne Risiko.

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