Wer taucht in Shanghais offizieller Liste von Covid-Toten auf? Und wer nicht?, © Zhang Jiansong/Xinhua/AP/dpa

Shanghais niedrige Zahl der Corona-Toten wirft Fragen auf

Lu Muying starb am 1. April in einem Quarantäne-Zentrum der Regierung in Shanghai. Ihre Familie verfolgte am Telefon mit, wie Ärzte vergeblich versuchten, sie wiederzubeleben.

Bei der 99-Jährigen, die zwei Wochen später 100 geworden wäre, war gegen Ende März Covid-19 festgestellt worden, und Ärzte sagten ihren Angehörigen, dass sie gestorben sei, weil die Infektion ihre bereits vorhandene Herzkrankheit und ihren hohen Blutdruck verschlimmert habe.

Aber Lu tauchte nicht in Shanghais offizieller Liste von Covid-19-Toten auf. Tatsächlich hat die Stadt mit ihren 25 Millionen Einwohnern, die drittgrößte auf der Welt, nur 25 coronabedingte Todesfälle gemeldet – das trotz eines Ausbruchs mit Hunderttausenden Infizierten, der sich bereits über zwei Monate hinweg gezogen hat.

Lus Fall unterstreicht die Art und Weise, wie chinesische Stellen versuchen, das wahre Ausmaß der Opferzahlen zu verschleiern. Interviews mit Familienmitgliedern von Patienten, die positiv auf das Virus getestet wurden und ein Internet-Archiv, das von Angehörigen der Toten zusammengestellt wurde, werfen Fragen auf, wie die Stadt ihre Fälle zählt – mit dem fast sicheren Ergebnis, dass die wirklichen Zahlen deutlich höher sind.

Weniger Transparenz bei Zählung der Toten

Eine Untersuchung der Toten-Statistiken durch die Nachrichtenagentur AP zeigt auf, dass die chinesischen Gesundheitsbehörden bei ihrer Zählung viel enger gefasste und weniger transparente Maßstäbe anlegen, die manchmal nicht mit den Standards im Rest der Welt übereinstimmen.

In den meisten Ländern unter Einschluss der USA wird jeder Todesfall, bei dem Covid-19 ein Faktor ist oder zu dem die Infektionskrankheit beigetragen hat, als Tod im Zusammenhang mit Corona gezählt. Aber in China werden in den Totenstatistiken nur jene aufgeführt, die direkt an Covid-19 gestorben sind. Das schließt Patienten wie Lu aus, deren Vorerkrankungen durch das Virus verschlimmert wurden, wie Zhang Zuo-Feng, ein Epidemiologe an der University of Los Angeles, erläutert. «Das ist ihr Muster», bestätigt auch Jin Dong-Yan, ein Virologe an der University of Hongkong. 

Beide Experten sagen, dass China seit Beginn der Pandemie so verfahren sei und das kein Beweis für einen bewussten Versuch der Verschleierung sei. Aber Shanghais Behörden haben in aller Stille hinter den Kulissen andere Standards geändert, in einer Weise, die gegen Chinas eigene Regulierungen verstoßen und die wahre Zahl der Virus-Opfer verwischt hat.

«Symptomatisch» nur bei Lungenentzündung

Während des Ausbruchs haben die zuständigen Stellen in der Stadt nur jene Infektionsfälle als «symptomatisch» eingestuft, in denen beim Röntgen eine Lungenentzündung festgestellt wurde, wie AP aus drei Quellen, darunter ein chinesischer Gesundheitsbeamter, erfahren hat. Alle anderen Patienten werden als «symptomlos» betrachtet, auch wenn sie positiv auf das Virus getestet wurden und andere typische Covid-Symptome wie Niesen, Husten oder Kopfschmerzen aufweisen.

Diese Art von Einordnung widerspricht Chinas früheren nationalen Richtlinien. Sie ist außerdem eine scharfe Wende im Vergleich zum Januar. Da hatte Wu Fan, ein Mitglied der Shanghaier Expertengruppe zur Verhinderung von Epidemien, erklärt, dass sogar jene mit den leichtesten Symptomen wie Müdigkeit oder Halsschmerzen «strikt» als symptomatische Fälle eingestuft würden. 

Zwei Systeme und widersprüchliche Daten

Was noch zur Verwirrung beiträgt: Die Stadt hat zwei sich überlappende Systeme, um zu verfolgen, ob jemand infiziert ist. Einwohner stützen sich hauptsächlich auf Health Cloud, eine App auf ihrem Handy, die ihnen ihre Testergebnisse zeigt. Die Shanghaier Gesundheitsbehörden haben ein separates System zum Erfassen von Testresultaten, und als einzige die Befugnis, Fälle zu bestätigen. Manchmal widersprechen sich die Daten beider Systeme.

In der Praxis gebe diese wechselhaften und unstimmigen Prozeduren Chinas Seuchenkontrollbehörde CDC einen «Spielraum» zu entscheiden, ob ein Todesfall einen Zusammenhang mit Covid hat oder nicht, sagte der chinesische Gesundheitsbeamte, der seinen Namen nicht genannt haben wollte. So könnten sie das Virus als Todesursache von Patienten ausschließen, deren Lungen nicht geröntgt wurden oder die kein positives Testergebnis auf ihren Apps festgehalten hatten.

Auf Fragen zu den Shanghaier Covid-Zahlen antwortete Chinas höchste medizinische Stelle, die National Health Commission, dass es keine Grundlage dafür gebe, «die Genauigkeit der epidemischen Daten und Statistiken Chinas in Zweifel zu ziehen».

Erklärungen der Behörden sind wenig tröstlich für die Angehörigen der Toten. Chinesische Internet-Nutzer, die die offiziellen Zahlen anzweifeln, haben ein virtuelles Archiv über die Todesfälle seit Beginn des strikten Corona-Lockdowns der Stadt geschaffen, das auf Online geposteten Informationen aus erster Hand beruht. Bislang liegt die Zahl bei 170. 

Zensur von Berichten über nicht erfasste Todesfälle

Chinesische Medienberichte über die offiziell nicht erfassten Todesfälle sind im Handumdrehen zensiert worden, und ein großer Teil der Kritik an den strengen Corona-Beschränkungen online wurde gelöscht.

Die Behörden hatten Ende März fast alle 25 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner der größten Stadt Chinas unter Quarantäne gestellt, weil die Zahl der Neuinfektionen in die Höhe schnellte. Die kommunistische Führung verfolgt eine sogenannte Null-Covid-Strategie, bei der jeder Infizierte isoliert wird. Das führt zur Abriegelung ganzer Städte.

Seit Kurzem sind aber die strikten Beschränkungen für einen Teil der Bevölkerung in Shanghai gelockert worden. Zwölf Millionen Menschen müssen nun nicht mehr zu Hause in Quarantäne bleiben. Das Virus sei in Teilen der Stadt erstmals wirkungsvoll unter Kontrolle, teilten die Gesundheitsbehörden am Mittwoch mit. Staatsmedien feiern Chinas Null-Covid-Strategie als Erfolg seines politischen Systems.