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Rätselraten um «Bekennerschreiben» im Fall Ursula Herrmann

Augsburg (dpa/lby) – Die Entführung und der Tod der kleinen Ursula Herrmann sorgen auch nach vier Jahrzehnten noch für viel Aufmerksamkeit. Nur wenige Verbrechen produzierten im Nachkriegs-Deutschland so viele Schlagzeilen – und so viele Spekulationen. Nun wird der langen Geschichte ein weiteres Kapitel hinzugefügt.

Bei den Ermittlern und bei Medienunternehmen ist vor wenigen Wochen ein angebliches Bekennerschreiben eingegangen. Bislang spricht viel dafür, dass ein Trittbrettfahrer den bekannten Kriminalfall nutzen will, um eine andere Person anzuschwärzen. «Es gibt nichts Neues», sagte Oberstaatsanwalt Matthias Nickolai am Mittwoch. Es gebe durch die Briefe keine neue Wende im Fall Herrmann.

Die zehnjährige Ursula war im Jahr 1981 am Ammersee verschleppt worden. Das entführte Mädchen wurde damals in einer vergrabenen Kiste eingesperrt, die Schülerin erstickte. Erst nach 27 Jahren wurde ein Beschuldigter festgenommen und dann zu lebenslanger Haft verurteilt. Er bestreitet, der Kidnapper zu sein. Bis heute gibt es Zweifel, ob der Richtige verurteilt wurde oder ob es Mittäter gab.

Nun wurde die Augsburger Staatsanwaltschaft mit dem sogenannten Bekennerschreiben konfrontiert. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Verfasser eine namentlich in dem Brief genannte Person mit dem Schreiben als Entführer belasten will. Konkrete Hinweise auf einen wirklichen weiteren Täter in dem Fall gebe es nicht, sagt Nickolai.

Doch selbst wenn es um ein echtes Bekennerschreiben ginge, in dem sich ein Mittäter selbst bezichtigt, würde das Verbrechen bei der Anklagebehörde nicht noch einmal groß aufgerollt. «Das führt zu nichts, weil die Tat verjährt ist», betont der Oberstaatsanwalt. Denn letztlich gehe es juristisch um erpresserischen Menschenraub mit Todesfolge – und nicht um einen Mordfall, für den es keine Verjährungsfrist gibt.

Dennoch will die Staatsanwaltschaft wissen, wer hinter den mysteriösen Briefen steckt. «Urheberschaft und Hintergründe zu den Schreiben werden geprüft», sagt Nickolai. Details zum Inhalt der Briefe will er vorläufig nicht nennen.

Auch Rechtsanwalt Joachim Feller, der den Bruder von Ursula Herrmann vertritt, geht von keinem echten Bekennerschreiben aus. «Das Schreiben ist in sich sehr schlüssig. Insoweit bleiben natürlich Restzweifel, ob der Verfasser des Bekennerschreibens gegebenenfalls Insiderwissen hat», zitiert die «Augsburger Allgemeine» den Anwalt.

Laut den Ermittlern haben mindestens zwei große Medien bereits im November das Schreiben erhalten und nicht veröffentlicht. Der Bayerische Rundfunk teilte unterdessen am Mittwoch mit, den Brief in einem neuen Podcast thematisieren zu wollen.

Das nunmehr knapp 40 Jahre alte Verbrechen sorgte immer wieder für reichlich Spekulationen. Allein um das Hauptindiz des Strafprozesses, ein schon bei der Tat eher antiquiertes Tonbandgerät, ranken sich Legenden. Solch ein Gerät war bei den Erpresseranrufen abgespielt worden. Auch bei der Kripo gab es damals fragwürdige Vorgänge, die später ans Licht kamen. Ein später widerrufenes Geständnis eines mutmaßlichen Helfers des Kidnappers sorgte für weiteren Wirbel.

Vor einigen Jahren versuchte Ursula Herrmanns Bruder mit einem Zivilverfahren gegen den rechtskräftig verurteilten Entführer den Fall nochmals aufrollen zu lassen – denn selbst Michael Herrmann bezweifelt die bisherige Version der Justiz. «Vieles spricht dafür, dass ein Unschuldiger seit zehn Jahren im Gefängnis sitzt», schrieb er deswegen 2018 in einem offenen Brief.

Herrmann verlangte Aufklärung, «wer wirklich verantwortlich ist» für den Tod seiner Schwester. Doch auch der Zivilprozess, in dem es nur vordergründig um Schmerzensgeld ging, brachte keine neue Antwort. Michael Herrmann hat seinen öffentlichen Kampf um Aufklärung mittlerweile weitgehend eingestellt. Eine Internetseite, die er eingerichtet hatte, um die Menschen auf Deutsch und Englisch über den Fall Ursula Herrmann zu informieren, hat er wieder abgeschaltet.

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