Regisseur Roland Schwab steht vor dem Festspielhaus., © Daniel Karmann/dpa/Archivbild

Jubel für Bayreuther Überraschungs-«Tristan»

Minutenlanger Applaus, regelrechter Jubel: Die Bayreuther Festspiele haben am Montag mit einer neuen Version von «Tristan und Isolde» eröffnet – und wurden dafür vom Publikum gefeiert. Die Neuproduktion von Regisseur Roland Schwab, die völlig ironiefrei eine utopische, überaus romantische Interpretation von Richard Wagners großer Liebesoper zeigt, traf in Zeiten von Krieg, Krise und Chaos offensichtlich einen Nerv beim Publikum.

Schon nach den einzelnen Aufzügen zeigten sich die Zuschauer – darunter Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Moderator Thomas Gottschalk – überwiegend begeistert. Zum Schluss wurde minutenlang geklatscht, getrampelt und «Bravo» gerufen.

Dabei galt der Jubel zwar vor allem Catherine Foster als Isolde und Bayreuths Marathon-Männern Stephen Gould, der neben dem Tristan bei den Festspielen 2022 auch noch den Tannhäuser singt und den Siegfried in der «Götterdämmerung» sowie Georg Zeppenfeld als Marke in einer seiner vier diesjährigen Rollen auf dem Grünen Hügel. Doch auch Regisseur Schwab und sein Team wurden gefeiert – keine Selbstverständlichkeit in Bayreuth. Noch mehr Applaus gab es allerdings für Dirigent Markus Poschner, der die Aufgabe kurzfristig von Cornelius Meister übernommen hatte, weil der für den an Corona erkrankten Pietari Inkinen als «Ring»-Dirigent einspringen musste.

Nicht nur die Corona-Pandemie hatte den Festspielen in diesem Jahr zu schaffen gemacht, zuletzt überschatteten Sexismus-Vorwürfe den Start in das Opernspektakel. Der «Nordbayerische Kurier» berichtete von Frauen, die Opfer von Übergriffen und Anzüglichkeiten wurden. Auch Festspielleiterin Katharina Wagner bestätigte, dass sie selbst davon betroffen war.

«Für mich ist „Tristan und Isolde“ das berühmteste Weltflucht-Opus der ganzen Musikgeschichte. Und wenn eine Zeit das Bedürfnis kennt, der Welt zu entfliehen, dann ist das unsere», hatte Regisseur Schwab vor der Premiere gesagt und sich damit vor allem auf den Krieg in der Ukraine bezogen. «Sich verlieren im Universum, in einer universalen Liebe. Diese Sehnsucht möchte ich zulassen. Gerade in unserem aktuellen Zeitkontext ist mir das ganz, ganz wichtig.»

Die Festspiele hatten den «Tristan» ganz kurzfristig erst zum Jahreswechsel ins Programm genommen – für den Fall, dass eine der großen Chor-Opern «Lohengrin», «Tannhäuser» oder «Der fliegende Holländer» dem Corona-Virus zum Opfer fallen. Regisseur Schwab hatte nach eigenen Angaben vier Wochen Zeit für das Konzept. Weil auch noch ein neuer vierteiliger «Ring des Nibelungen» auf dem Spielplan steht, gibt es in diesem Jahr fünf Bayreuther Neuproduktionen – ein Novum in der langen Festspielgeschichte.