Die ersten Wiesnbesucher rennen nach dem Einlass zu den Festzelten., © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Münchner Oktoberfest beginnt: «Feeling wie früher»

Nach zwei Jahren Corona-Zwangspause hat in München das Oktoberfest begonnen. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) zapfte am Samstag das erste Fass Bier mit drei Schlägen an, bevor es wieder «Ozapft is» hieß und das Bier in Strömen floss. Ein wenig schien er nach der langen Pause aus der Übung. In früheren Jahren hatte er fast nur zwei Schläge gebraucht. Er nahm es mit Gelassenheit – so sei im nächsten Jahr wenigstens Luft nach oben.

Während Böllerschüsse den Start der 187. Wiesn verkündeten, reichte Reiter die erste Maß dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU). Beide stießen auf eine friedliche Wiesn an. Reiter bezeichnete die Entscheidung für die Wiesn als «eine gute». «Alle freuen sich drauf – und das freut einen als Oberbürgermeister einfach am meisten.» Es sei gelaufen «wie ein Uhrwerk», «ein überragendes Gefühl wieder hier sein zu dürfen», sagte Festleiter Clemens Baumgärtner (CSU).

Für Söder ist das Massenereignis ein «Fest von Freude und Freiheit». Er sei dafür, «dass es keine Verbote von Liedern gibt», sagte Söder, der dafür im Festzelt nach anfänglichen Buhrufen laut bejubelt wurde. Vor dem Fest war diskutiert worden, ob der umstrittene Schlager «Layla» auf der Wiesn gespielt werden soll oder nicht.

Schon im Morgengrauen hatten Tausende junge Menschen in Dirndl und Lederhose bei kaum neun Grad und teils im Nieselregen vor der Festwiese ausgeharrt und «vorgeglüht». Als das Gelände öffnete, stürmten sie Richtung Bierzelte. «Es ist das Feeling wie früher», sagte Helga Geier, die gebrannte Mandeln verkauft. Für die Münchner Maxi (27), Mirko (31) und Sebastian (28) reichte es, zwei Stunden vor Anstich im Paulaner-Zelt zu sein. «Schon cool» sei es, dass die Wiesn nach zwei Jahren Pause wieder stattfinde. «Aber wir haben auch ohne Wiesn gsoffen.»

Auch wenn ohne Auflagen gefeiert wird, ist Corona nicht verschwunden. Die Behörden mahnten Besucher, bei Erkältungssymptomen einen Test zu machen und nicht krank zum Fest zu kommen. Mediziner rechnen nach der Wiesn wie nach anderen Volksfesten mit einer Corona-Welle.

«Wahrscheinlich wird die Zahl der Infektionen steigen, das ist die Erfahrung der bisherigen Feste», sagte Söder dem «Münchner Merkur» (Samstag). «Gleichzeitig messen wir aber zum Glück nirgends eine übermäßige Belastung der Krankenhäuser. Das spricht dafür, dass wir bei Corona in einer neuen Phase sind.»

Ähnlich hatte sich OB Reiter geäußert, der im April nach reiflicher Abwägung die Entscheidung für die Wiesn verkündet hatte. Auch er sieht eine Corona-Welle nach dem Fest. Wichtig sei aber die Lage in den Kliniken, und dort gebe es keine außergewöhnlichen Belastungen.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach rief zur Vorsicht auf. Dass das Riesenvolksfest wieder stattfinde, sei aber vertretbar, sagte der SPD-Politiker. «Die Impfbereitschaft, das Verständnis für die Maßnahmen, die Vorsicht der Bevölkerung machen es möglich.»

Unter den Besuchern waren am Samstag viele junge Leute, fast niemand trug eine Corona-Schutzmaske. Sechs Millionen Besucher kamen vor der Pandemie regelmäßig zum wohl größten Volksfest der Welt.

Bedenken wegen Corona, aber auch Geldsorgen könnten der Grund sein, falls dieses Jahr weniger Gäste kommen. Allein der Preis für die Maß Bier stieg seit 2019 um fast 16 Prozent. Die Maß kostet 12,60 Euro bis 13,80 Euro. Am Samstag aber hieß es wieder Schlangestehen vor den Bierzelten, wer keine Reservierung hatte, musste warten.

Viele säumten die Straßen in der Innenstadt, als vormittags die Wirte mit festlich geschmückten Wagen und Brauereirössern zum Festgelände fuhren. Tierschutz-Aktivisten, die während des Umzugs gegen den Fleischkonsum demonstrierten und sich auf die Straße setzten, wurden von der Polizei weggetragen. Neben Bier im Überfluss gehört Fleisch zu den Grundnahrungsmitteln auf dem Oktoberfest: 2019 wurden knapp 435.000 Brathähnchen, 125 Ochsen und 30 Kälber verspeist.

Relativ spät gab es die erste «Bierleiche». Eine junge «volltrunkene» Frau sei um kurz nach 14 Uhr versorgt worden, so der Sprecher der Sanitätsstation Aicher Ambulanz, Markus Strobl. Der zweite Patient mit zu viel Alkohol kam eine halbe Stunde später – er war 16 Jahre alt. Die Helfer behandelten vor allem Platzwunden – und alkoholisierte Wiesn-Gäste. «Der Überwachungsraum füllt sich langsam.» Die rund 120 Mitarbeiter der Sanitätsstation seien seit dem Nachmittag im vollen Einsatz, die Rettungsteams rückten fast im Fünf-Minuten-Takt aus.

Die Polizei sprach bis zum Nachmittag von einem «ruhigen» Start. «Aus polizeilicher Sicht sind wir mit dem Wiesn-Start sehr zufrieden», sagte eine Sprecherin. Die Bundespolizei verzeichnete an den zentralen Bahnhöfen keine «Massenprobleme».

Rund 600 Polizistinnen und Polizisten sorgen während der zwei Festwochen bis zum 3. Oktober für Sicherheit. Sie werden von uniformierten Polizisten aus Frankreich und Italien sowie Taschendieb-Fahndern aus mehreren Ländern unterstützt. An den Eingängen werden die Festgäste stichprobenartig kontrolliert.