Eine Figur der blinden Justitia., © Sonja Wurtscheid/dpa/Symbolbild

Flucht durch den Schnee: Prozess um Geiselnahme

Ein Mann steht an einer Straße in München, sucht Blickkontakt mit einer Autofahrerin. Als die Frau verkehrsbedingt halten muss, steigt er in ihr Auto, bedroht sie mit einem Messer – und entführt sie, um sie zu vergewaltigen. Vor dem Landgericht München I hat am Mittwoch der Prozess um diese alptraumhafte Tat begonnen. Der wegen Geiselnahme und schwerer sexueller Nötigung Angeklagte räumt die Vorwürfe über seinen Anwalt «vollumfänglich» ein. Mehr sagt er dazu nicht – zumindest vorerst.

Die Tat ereignete sich vor fast genau einem Jahr: Am Nachmittag des 20. Januar 2022 stieg der heute 26 Jahre alte Türke mit Mütze, FFP2-Maske und schwarzen Handschuhen getarnt in das Auto der 25-Jährigen als sie halten musste, weil es auf Münchner Straßen wieder einmal nicht voran ging.

Laut Anklage hielt er ihr ein zehn Zentimeter langes Messer vor das Gesicht, verriegelte die Tür und zwang sie, zu einem entlegenen Hinterhof zu fahren. «Zieh dich aus oder ich brech dir die Nase», sagte er laut Staatsanwaltschaft, bevor er sie missbrauchte und versuchte, «die vor Angst zitternde Geschädigte» auf dem Rücksitz ihres Wagens zu vergewaltigen. «Ist mir scheißegal, interessiert mich nicht, du ziehst dich aus.»

Als er kurz von ihr abließ, gelang der Frau die Flucht, so schildert es die Anklage. Sie rannte nackt, nur mit ihrem Handy und ihrer Jacke in der Hand, durch den Schnee. Noch heute ist sie nach Angaben ihres Anwaltes von der Tat schwer traumatisiert.

Das Gericht will ihr darum die Aussage im Verhandlungssaal ersparen und kündigt an, eine per Video aufgezeichnete Aussage von ihr im Verfahren zu verwenden. Für die Vorführung wurde die Öffentlichkeit ausgeschlossen.

Der Fall ist nicht der einzige, den die Ermittler dem gebürtigen Münchner vorwerfen. Er gab auch zu, nur fünf Tage nach der versuchten Vergewaltigung die Mitarbeiterin eines Autohauses bedroht zu haben, um einen knapp 200 000 Euro teuren Luxuswagen zu stehlen: «Ich hab ein Messer», sagte er laut Staatsanwaltschaft. «Du tust jetzt genau, was ich dir sage, dann tue ich dir nichts. Oben steht eine G-Klasse und du gibst mir den Schlüssel dafür.» Auch die Frau hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft «Angst um ihr Leben».

Sechs Verhandlungstage hat das Gericht angesetzt, das Urteil könnte demnach am 8. Februar gesprochen werden. Der Prozess hatte mit rund zweieinhalb Stunden Verspätung begonnen, weil das psychiatrische Krankenhaus, in dem der türkische Angeklagte sich derzeit aufhält, dessen Gerichtstermin vergessen hatte.