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Lambrecht: Zurück zum Regelbetrieb in Kitas und Schulen

Berlin (dpa) – Die Schulen und Kitas in Deutschland sollten aus Sicht von Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht zügig zum Regelbetrieb zurückkehren. Aktuelle Studien zeigten, wie sehr die Corona-Pandemie gerade Schulkinder psychisch belaste, sagte die SPD-Politikerin der «Rheinischen Post».

«Bei niedrigen Inzidenzen muss allein aus diesem Grund alles dafür getan werden, den vollen Regelbetrieb in Kitas und Schulen wieder möglich zu machen, und zwar schnell.»

Lambrecht hat nach dem Rücktritt von Franziska Giffey neben dem Justiz- auch das Familienressort übernommen. Die Ministerin äußerte sich vor einem weiteren Spitzentreffen von Bund und Ländern zum Thema Impfen am Donnerstag.

Forderung nach Öffnungen für Kinder

Kinder dürfen aus Lambrechts Sicht bei den jetzigen Lockerungen der staatlichen Corona-Beschränkungen nicht hintanstehen. «Wir alle sind froh über die Öffnungen und genießen die ersten Schritte in die Normalität. Mir ist wichtig, dass auch Kinder und Jugendliche hieran teilhaben können. Schwimmbadbesuche, Training im Sportverein – all dies muss bei weiter sinkenden Inzidenzzahlen schnell wieder ermöglicht werden», betonte sie. Sie setze auch darauf, dass noch im Sommer ein Impfstoff für Kinder und Jugendliche zugelassen werde und ihnen sehr schnell ein Impfangebot gemacht werden kann.

Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) wandte sich dagegen, Impfungen in den Schulen durchzuführen. Als erstes seien vielmehr die Kinderarzt-Praxen gefragt. «Wir müssen ja trotzdem Aufklärungsgespräche mit Eltern organisieren. Zudem möchte man einen Zwischenfall wie einen Schock, auch wenn er nur sehr selten vorkommt, nicht gerade in der Schule erleben», sagte Axel Gerschlauer, Kinderarzt aus Bonn und BVKJ-Sprecher, der «Rheinischen Post».

Er wandte sich zudem gegen eine Art Impfpflicht durch die Hintertür. «Der Schulbesuch darf nicht an eine Corona-Impfung geknüpft werden. Hier muss die Politik Wort halten.» Im Übrigen sei eine Impfpflicht für Kinder auch nicht nötig. «Kinder sind keine Corona-Infektionstreiber, und das Risiko, schwer zu erkranken, ist für sie – anders als bei Masern – gering», sagte er.

Unsicherheit: Corona-Impfung für Kinder?

Der Virologe Alexander Kekulé hält es auch nicht für notwendig, flächendeckend alle Kinder und Jugendlichen ab zwölf Jahren gegen Corona zu impfen. Im Podcast von MDR aktuell sagte er, die Eltern müssten selbst entscheiden können. Wenn die Risikogruppen und die restliche Gesellschaft im Sommer immun seien, was ja das Ziel der Impfaktion sei, halte er den Druck, die Schüler zu impfen, nicht mehr für so hoch. Zudem glaube er, dass eine vollständige Elimination des aktuellen Coronavirus und seiner Varianten eine Illusion sei. Nach seiner Einschätzung sei nur ein «Kontrollzustand» erreichbar, bei dem man eine gewisse Zahl an Infektionen einfach in Kauf nehme.

Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung (ZI) bewertete den Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kritisch, Biontech-Impfdosen für Schüler zu reservieren. «Der Vorstoß ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht nachvollziehbar», sagte Institutschef Dominik Stillfried dem «Handelsblatt». «Ein Zurückhalten des Biontech-Vakzins für Jüngere würde die Impfkampagne rechnerisch um rund zwei Wochen zurückwerfen.»

Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern streben an, Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren bis Ende August ein Impfangebot zu machen – über die Umsetzung wollen am Donnerstag auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten beraten. Der Hersteller Biontech/Pfizer hat eine Zulassung seines Präparats ab zwölf Jahren bei der europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) beantragt. Die Ständige Impfkommission (Stiko) behält sich aber eigene Klärungen für eine mögliche Impfempfehlung vor.

Unsicherheiten vermeiden

Auch deswegen sieht ZI-Chef Stillfried Spahns Vorschlag kritisch. «Sollte die Stiko den Impfstoff für Jüngere nur eingeschränkt oder gar nicht empfehlen, könnte dies zu erneuter Verunsicherung führen – so, wie wir es in der Debatte um den Impfstoff von Astrazeneca erlebt haben», sagte er.

Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Bärbel Bas, geht davon aus, dass die Stiko eine Liste von Krankheiten erstellt, bei denen sie die Impfung für Kinder empfiehlt. Kinder mit diesen Krankheiten müssten dann zuerst geimpft werden, sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Auch ohne eine generelle Empfehlung bleibe eine Impfung von Kindern und Jugendliche im Rahmen der Zulassung aber möglich. Bas wandte sich dagegen, die Öffnung von Schulen von den Impfungen abhängig zu machen. «Es ging ja immer auch darum, die Übertragung auf Eltern und insbesondere Großeltern zu verhindern. Wenn nach den Sommerferien alle ein Impfangebot bekommen haben, dann fällt diese Begründung weg.»

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