Russische Streitkräfte an einem Kontrollpunkt in der Nähe des Atomkraftwerks Saporischschja (Aufnahme vom 2. September)., © Victor/XinHua/dpa

Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Die Lage rund um das ukrainische Atomkraftwerk Saporischschja sorgt weiter für große Unsicherheit. Am Dienstag kam es erneut zu Artilleriebeschuss an dem von russischen Truppen besetzten AKW und zu einem Stromausfall in der nahe gelegenen Stadt Enerhodar.

Dem Besatzungsvertreter Wladimir Rogow zufolge soll es sieben Einschläge im Bereich des Kraftwerk-Trainingszentrums gegeben haben. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) wollte noch am Dienstag Bericht erstatten, was ihre Erkundungsmission nach Saporischschja in der vergangenen Woche erbracht hat.

Kiew geht davon aus, dass die russische Armee in dem seit mehr als sechs Monate anhaltenden Krieg mehr als 50 000 Soldaten verloren hat. Nach britischer Ansicht erschwert ein Mangel an Aufklärungsdrohnen den russischen Truppen zunehmend die Einsätze. Eine in Finnland ansässige Forschungsorganisation teilte mit, dass Russland mit dem Export von Öl, Gas und Kohle an Deutschland und andere Länder weiter Milliarden verdient.

Immer wieder Artilleriebeschuss am AKW Saporischschja

Russlands Verteidigungsministerium warf der Ukraine am Dienstag vor, Saporischschja innerhalb der vergangenen 24 Stunden 15 Mal mit Artillerie beschossen zu haben. Im Gegenzug macht Kiew die russischen Truppen, die das AKW bereits seit Anfang März besetzen, immer wieder für Angriffe auf das Gelände verantwortlich. Die Angaben beider Seiten lassen sich in der Regel nicht unabhängig überprüfen.

Der gehäufte Artilleriebeschuss erhöhte zuletzt international die Sorge vor einer Atomkatastrophe rund um das größte Kernkraftwerk Europas. Am Montag hatte der ukrainische Betreiber Enerhoatom zunächst mitgeteilt, dass es beim sechsten und letzten noch betriebenen Block eine Notabschaltung gegeben habe. Später jedoch übermittelte Kiew an die IAEA die Information, der Strombedarf des Kraftwerks werde nach einer erzwungenen Trennung vom ukrainischen Netz weiter von einem im Betrieb befindlichen Reaktor gedeckt.

Gehen Russland Drohnen und Munition aus?

Der russische Angriffskrieg dauert inzwischen seit 195 Tagen an. In dieser Zeit seien 50 150 russische Soldaten getötet worden, teilte der ukrainische Generalstab am Dienstag per Facebook mit. Zudem will die ukrainische Armee 2077 Panzer, 4484 gepanzerte Fahrzeuge, 236 Flugzeuge und 207 Hubschrauber abgeschossen haben. Es gibt keine unabhängigen Bestätigungen für diese Angaben.

Das britische Verteidigungsministerium geht von etwa 25.000 getöteten russischen Soldaten aus. Russland selbst hat seit langem keine Angaben mehr zu eigenen Gefallenen gemacht. Auch die Ukraine macht selten Angaben über eigene Verluste, zuletzt sprach Kiew von 9000 getöteten (Stand 22. August) und 7000 vermissten (Stand Juli) ukrainischen Soldaten.

Das britische Verteidigungsministerium geht davon aus, dass Russland bei seiner taktischen Lagebeurteilung und seinen Einsätzen zunehmend eingeschränkt wird, weil es dem russischen Militär an Aufklärungsdrohnen mangele. Das werde verschärft durch die mittels internationaler Sanktionen hervorgerufene Verknappung an Ersatzteilen, teilte das Ministerium mit. In den vergangenen Tagen sei die Zahl der Drohneneinsätze westlich des Flusses Dnipro zurückgegangen. Auch mehrere Abschüsse seien gemeldet worden.

Die «New York Times» berichtete, dass Russland angesichts von Lieferengpässen Millionen Geschosse von Nordkorea kaufen wolle. Die Zeitung berief sich auf US-Geheimdienstinformationen. Demnach geht es um Artillerie-Munition und Raketen mit kurzer Reichweite.

EU-Kommission prüft Möglichkeiten für Gaspreisdeckel

Die EU-Kommission prüft derzeit Maßnahmen, um den Gaspreis zu deckeln. Es geht dabei zum einen um die Möglichkeit, sich auf einen Höchstbezugspreis für russisches Gas zu verständigen, wie aus einem internen Papier hervorgeht, das der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. Eine andere Option ist demnach, den Preis an europäischen Handelsplätzen unter bestimmten Voraussetzungen zu deckeln. Vor allem mit der zweiten Option könnten als Notmaßnahme weitere Preissteigerungen verhindert werden. Die erste könnte vor allem dazu führen, die Einnahmen Russlands durch Energiegeschäfte zu begrenzen.

Nach einem deutlichen Anstieg zu Wochenbeginn fiel der Preis für europäisches Erdgas wieder spürbar. Am frühen Nachmittag kostete der Terminkontrakt TTF für niederländisches Erdgas etwa 220 Euro je Megawattstunde. Das waren rund zehn Prozent oder 25 Euro weniger als am Vortag. Der TTF-Kontrakt gilt als Richtschnur für das europäische Preisniveau am Erdgasmarkt.

Türkei: Rund 2,5 Millionen Tonnen Getreide verschifft

Seit Wiederaufnahme der Getreideausfuhr aus der Ukraine haben rund 100 Schiffe mit 2,5 Millionen Tonnen Agrarprodukten an Bord das Land verlassen. Das sagte der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar am Dienstag der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge.

Agrarexporte über die ukrainischen Schwarzmeerhäfen waren wegen des russischen Angriffskriegs monatelang blockiert. Die Kriegsgegner Ukraine und Russland unterzeichneten dann am 22. Juli unter UN-Vermittlung jeweils getrennt mit der Türkei ein Abkommen, um von drei Häfen Getreideausfuhren aus der Ukraine zu ermöglichen. Die Ukraine gehörte vor Kriegsbeginn am 24. Februar zu den größten Getreideexporteuren weltweit.

EU könnte Visaerleichterung für Russen ab Montag aufheben

Durch einen Anschlag ist der russische Kommandant der südukrainischen Hafenstadt Berdjansk getötet worden. Das bestätigte ein Sprecher der Besatzungsverwaltung. «Er ist im Krankenhaus leider gestorben. Solche Fälle gibt es bei uns regelmäßig», sagte Sprecher Wladimir Rogow am Dienstag der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass zufolge. Unter dem Auto von Stadtkommandant Artjom Badrin war nach vorherigen Angaben eine Bombe explodiert. Es wurde auch von Schüssen im Zentrum der Hafenstadt am Asowschen Meer berichtet. Badrin war den Angaben nach ein russischer Oberst. In den vergangenen Wochen sind mehrere Anschläge auch auf ukrainische Amtsträger verübt worden, die mit der Besatzungsmacht kollaborieren.