Ukrainische Soldaten beziehen Stellung an der Frontlinie., © Roman Chop/AP/dpa

Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Nach schweren russischen Angriffen sind in der ukrainischen Hauptstadt Kiew weiterhin Zehntausende Bewohner ohne Strom. Am Samstag waren in der Drei-Millionen-Einwohner-Metropole noch 130.000 Menschen von der Versorgung abgeschnitten, wie die städtische Militärverwaltung mitteilte.

Auch in anderen Teilen des Landes leidet die Bevölkerung unter den Folgen der vermehrten russischen Angriffe auf die Infrastruktur. Vielerorts ist die Stimmung mit Blick auf den beginnenden Winter zunehmend gereizt.

Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko warnte unterdessen vor politischem Streit wegen der Stromausfälle und rief zu Zusammenhalt auf. Zuvor hatte Präsident Wolodymyr Selenskyj den ehemaligen Box-Weltmeister ungewöhnlich offen kritisiert. Selenskyj bemängelte, dass gerade in der Hauptstadt die Wiederherstellung der Stromversorgung nur langsam vorangehe. Die Behörden hofften auf eine Normalisierung am Sonntag.

Klitschko: Schlüssel des Erfolgs ist Zusammenhalt

Klitschko sagte der «Bild am Sonntag», der Schlüssel des Erfolgs der Ukraine liege im nationalen und internationalen Zusammenhalt. «Wir müssen weiter gemeinsam dafür sorgen, das Land zu verteidigen und die Infrastruktur zu schützen.» Er versicherte, dass in «Rekordtempo» an einer Lösung gearbeitet werde. «Die Stadt hat wieder Wasser und 95 Prozent Heizung. Jetzt arbeiten wir vor allem daran, dass der Strom überall zurückkommt.» Klitschko ist Bürgermeister der ukrainischen Hauptstadt seit 2014.

Mit Dutzenden Raketen und Marschflugkörpern hatte Russland am Mittwoch gezielt die Energie-Infrastruktur der Ukraine beschossen und schwere Schäden angerichtet. Auch in vielen anderen Landesteilen fielen Strom, Wasser und Wärmeversorgung aus. Angesichts des beginnenden Winters ist die Lage vielerorts dramatisch. Russland führt seit dem 24. Februar einen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Kiew gedenkt Holodomor: «Werden Tod erneut besiegen»

Am Samstag erinnerte die Ukraine an den Beginn der verheerenden Hungersnot Holodomor mit mehreren Millionen Toten vor 90 Jahren. Selenskyj zog dabei eine Parallele zur heutigen Zeit: «Einst wollten sie uns durch Hunger zerstören, nun durch Dunkelheit und Kälte», schrieb der Präsident in seinem Telegram-Kanal mit Blick auf Russlands Angriffe.

In den Jahren 1932/33 hatte der damalige Sowjetdiktator Josef Stalin gezielt eine Hungersnot in der Ukraine herbeigeführt, den so genannten Holodomor. Bis zu vier Millionen Menschen starben. Ebenso wenig wie damals ließen sich die Ukrainer heute von den Russen brechen, betonte Selenskyj. «Wir werden den Tod erneut besiegen.»

Scholz: Hunger darf nie wieder als Waffe eingesetzt werden

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) erinnerte an die Opfer des Holodomor. «Heute sind wir uns einig, dass Hunger nie wieder als Waffe eingesetzt werden darf», sagte Scholz in einem Video anlässlich einer neuen Initiative «Getreide aus der Ukraine». Er sicherte der Ukraine zudem weitere Unterstützung zu. Deutschland werde mit dem Welternährungsprogramm (WFP) weitere 15 Millionen Euro für Getreidelieferungen aus der Ukraine bereitstellen. Ein von Deutschland gesponsertes WFP-Schiff sei auf dem Weg, um ukrainisches Getreide nach Äthiopien zu liefern.

Die Vereinten Nationen und die Türkei hatten im Juli erreicht, dass Russland die Seeblockade ukrainischer Schwarzmeer-Häfen speziell für Getreideexporte aufhebt. Die Ukraine ist ein wichtiger Lieferant für die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln. Allerdings gibt es immer wieder Probleme. Am Wochenende warteten in türkischen Gewässern derzeit mehr als 100 Schiffe auf die Möglichkeit zur Weiterfahrt.

Kiew wirbt mit Hilfsprogramm um Afrika

Mit dem Start des Programms «Getreide aus der Ukraine» will Kiew russischen Behauptungen entgegen wirken, wonach der Westen mit Sanktionen gegen Moskau die Hungerkrise erst provoziert. Es sieht Nahrungsmittellieferungen an die ärmsten Länder vor. Selenskyj sollen bis Mitte nächsten Jahres bis zu 60 Schiffe aus ukrainischen Häfen um Odessa in Länder wie Sudan, Jemen oder Somalia entsandt werden.

Während der Westen den russischen Angriffskrieg verurteilt, halten sich viele arme Länder mit einer Bewertung zurück – auch aus Angst vor möglichen Folgen für sie selbst. Russland gilt ebenfalls als einer der größten Getreidelieferanten weltweit.

Moskau setzt in Ukraine wohl veraltete Trägerraketen ein

Russland setzt in der Ukraine nach Einschätzung britischer Geheimdienste veraltete Trägerraketen ein, die eigentlich für nukleare Sprengköpfe ausgelegt sind. Auf öffentlich zugänglichen Aufnahmen seien Trümmer eines mutmaßlich abgeschossenen Raketentyps zu erkennen, der aus den 1980er Jahren stamme und als nukleares Trägersystem entwickelt worden sei, hieß es in einem Bericht des britischen Verteidigungsministeriums. Die Trägerraketen würden jetzt unbewaffnet abgefeuert, ohne die Sprengköpfe.

Obwohl diese Raketen trotzdem Schaden anrichten könnten, sei es unwahrscheinlich, dass Moskau damit ernsthafte Erfolge erreiche, hieß es von der britischen Regierung. Vielmehr hoffe der Kreml wohl, die ukrainische Luftabwehr abzulenken. London wertete dies als Zeichen dafür, wie erschöpft Russlands Arsenal an Langstreckenraketen sei.

G-7 Treffen: Justizminister thematisieren Kriegsverbrechen

Die Justizminister der sieben größten Industrienationen (G7) wollen sich für die Verfolgung von Kriegsverbrechen in der Ukraine einsetzen. «Wir werden vor allem über die entsetzlichen Kriegsverbrechen sprechen, die auf dem Gebiet der Ukraine verübt werden und die wir verfolgen und bestrafen wollen», sagte Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) in einem auf Twitter veröffentlichten Video mit Blick auf das G7-Treffen der Justizminister am Montag und Dienstag in Berlin. Dazu werde man eine effizientere Koordination der Ermittlungen verabreden.