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Wenig Fachpersonal: Förderschulen kämpfen mit Engpässen

München (dpa/lby) – «Lehrermangel» ist ein Wort, das der bayerische Kultusminister nicht gerne hört. Da entstehe ein falscher Eindruck, sagte Michael Piazolo (Freie Wähler) zum Start des neuen Schuljahres und versprach: «Es wird vor jeder Klasse ein Lehrer stehen». Um die Lücken zu schließen, stellt das Ministerium an den 334 Förderschulen im Freistaat immer öfter Lehrer ein, die keine voll ausgebildeten Sonderpädagogen sind.

Im neuen Schuljahr wurde nur ein knappes Drittel der ausgeschriebenen Stellen mit Lehrern besetzt, die ein reguläres Sonderpädagogik-Studium absolviert haben. Vor fünf Jahren lag der Anteil noch bei mehr als 50 Prozent. Besonders Mittelfranken und die Oberpfalz sind betroffen: Hier hat sich die Quote mehr als halbiert.

Das Kultusministerium setzt auf sogenannte Zweitqualifikanten – also Mittel-, Realschul- und Gymnasiallehrer, die sich über zwei Jahre für den Unterricht an den Förderschulen weiterbilden lassen.

Zusätzlich versuchen die Schulleiter vor Ort, Lehrer in Elternzeit oder Teilzeitkräfte zu überzeugen, Stunden aufzustocken. Heilpädagogen halten Unterricht, obwohl sie dafür nicht ausgebildet sind. Studenten, die ihre Ausbildung noch nicht beendet haben, springen für kranke oder schwangere Lehrkräfte ein. Das berichtete Hans Lohmüller, Landesvorsitzender des Verbands der Sonderpädagogen.

Den «extremen Lehrermangel», so Lohmüller, könne man jedoch nicht dem amtierenden Kultusminister Piazolo anlasten. Die Engpässe seien auf Fehlplanungen aus der Zeit seines Vorgängers zurückzuführen. Damals sei signalisiert worden, man könne durch die Inklusion in den Regelschulen auf die Sonderpädagogen verzichten. «Das hat sich als falsch herausgestellt», betonte Lohmüller.

Es sei «äußerst bedenklich», dass immer mehr fachfremdes Personal eingesetzt wird, erklärte Lohmüller. Die Schüler an den Förderschulen hätten besondere Schwierigkeiten beim Lernen sowie sozial-emotionale und sprachliche Probleme. Dafür brauche man die Expertise der Sonderpädagogen, deren Ausbildung sich erheblich von der eines Realschul- oder Gymnasiallehrers unterscheide. «Wir gehen mit einem anderen pädagogischen Menschenbild ran», sagte Lohmüller. Nur so könne man dem individuellen Förderbedarf gerecht werden.

Der Kultusminister bleibt derweil gelassen. «Die Förderschulen bieten mit ihrer hohen sonderpädagogischen Kompetenz und ihren multi-professionellen Teams eine sehr gute individuelle Förderung», sagte Piazolo. Allein in diesem Schuljahr seien 100 zusätzliche Stellen geschaffen worden. Gleichzeitig erhöht sich die Zahl der Schüler laut einer Prognose des Ministeriums bis 2023 von heute 57 000 auf 63 000.

Die Zweitqualifikation bezeichnet Piazolo als Erfolg, Kritik an der Personalplanung weist er zurück: Dass in Förderschulen auch Heilpädagogen, Therapeuten und Pflegekräfte arbeiten, sei regulär vorgesehen.

Reinhard Markowetz lehrt Sonderpädagogik an der Universität München. Im Gegensatz zu Piazolo fürchtet der Professor, dass der Unterricht auf Dauer leiden werde. Die Zweitqualifikation sei von der fachlichen Tiefe nicht mit einem regulären Studium zu vergleichen. Trotzdem ist er froh, dass überhaupt in Weiterbildung investiert wird. Zudem hätten Hochschulen jahrelang Bewerber abweisen müssen, weil die Lehrstühle zu wenig Kapazitäten hatten. Hier sei viel passiert, die Zahl der Studienplätze in Bayern verdoppelt und in Regensburg ein neuer Standort für Sonderpädagogik errichtet worden. Bis die Studenten aber ihr Studium abgeschlossen haben, dauert es einige Jahre. Vorerst ist die Situation also angespannt.