© Frank Rumpenhorst

«Instrumentalisiert»: Einzige Frau tritt aus Beirat aus

München (dpa/lby) – Es sind ereignisreiche Tage im Erzbistum München und Freising. Am Freitag löste Kardinal Reinhard Marx mit seinem Rücktrittswunsch ein kirchenpolitisches Erdbeben aus; kurz darauf wird bekannt, dass es Ärger im Betroffenenbeirat gibt, der dabei helfen soll, Fälle von sexuellem Missbrauch in der Erzdiözese aufzuarbeiten.

Die einzige Frau im Beirat hat ihren Rücktritt aus dem fünfköpfigen Gremium erklärt. Das bestätigte Agnes Wich der Deutschen Presse-Agentur. Schon Ende April hatte sie ihren Angaben zufolge ihren Rücktritt aus dem Beirat erklärt – nach nur zwei Sitzungen.

«Ich bin als Frau in dieser Position aufgelaufen», begründete sie diesen Schritt. Zuvor hatte der Deutschlandfunk darüber berichtet. Das Erzbistum von Kardinal Reinhard Marx bestätigte den Rücktritt, wollte sich dazu aber nicht weiter äußern. Der Betroffenenbeirat sei ein eigenständiges Gremium.

Wich, eine Sozialpädagogin und Traumatherapeutin, die als neunjähriges Mädchen von einem Priester missbraucht worden war, hatte nach eigenen Angaben vor allem ein Problem damit, dass der Betroffenenbeirat ausgerechnet einen Priester, der selbst Opfer sexuellen Missbrauchs wurde, in die Aufarbeitungskommission entsandt habe. «Das gibt garantiert einen Loyalitätskonflikt mit dem Arbeitgeber Kirche», sagte Wich. «Das sind Dinge, die gehen einfach nicht.»

Der Jesuit Klaus Mertes, ehemaliger Leiter des Berliner Canisius-Kollegs, der 2010 sexuelle Straftaten von Geistlichen an Schülern öffentlich gemacht hatte, sagte dem Deutschlandfunk: «Wie ist es möglich, dass in Betroffenenbeiräten Personen sitzen, die in einem Angestellten-, das heißt wiederum in einem Abhängigkeitsverhältnis zur Kirche sind, die ihr Arbeitgeber ist? Es steigert sich noch einmal mehr, wenn Priester darin sitzen. Ich bestreite ja nicht, dass Priester auch Missbrauchsopfer sein können. Aber trotzdem bleibt ja der Loyalitätskonflikt.»

Auch dass sie als einzige Frau aus dem Beirat nicht als Vertreterin für die Belange weiblicher Betroffener in die Kommission gesandt wurde, störte Wich. «Frauen als Missbrauchsopfer haben es in der Kirche oftmals noch schwerer, Gehör zu finden. Solchen Fällen haftet häufig ein gewisser Verführungscharakter an», sagte sie.

Nach Bistumsangaben hatte es sieben Bewerber für die Mitarbeit im Beirat gegeben, darunter eine Frau. Für viele Bistümer war es schwer, Betroffene zu finden, die bereit sind, mit der Organisation, zusammenarbeiten, der die Menschen angehören, die sich an ihnen vergingen. Vielfach verzögerte sich darum der Start der Aufarbeitungskommissionen, der in den meisten bayerischen Bistümern eigentlich für den Beginn dieses Jahres geplant war.

Vor rund einem Jahr hatte der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) sich auf eine «Gemeinsame Erklärung über verbindliche Kriterien und Standards für eine unabhängige Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland» geeinigt und beschlossen, unabhängige Aufarbeitungskommissionen in allen 27 Bistümern einzusetzen. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sprach damals von einer «historischen Entscheidung».

Die Kommissionen sollen nicht nur die Fallzahlen von sexuellem Missbrauch erheben, sondern auch untersuchen, wie mit Opfern und Tätern umgegangen wurde. Außerdem sollen sie herausarbeiten, ob Strukturen innerhalb des jeweiligen Bistums «sexuellen Missbrauch ermöglicht oder erleichtert oder dessen Aufdeckung erschwert haben», wie ein Sprecher des Erzbistums München und Freising sagte.

Wich kritisierte, dass das Bistum München sich nicht genügend Zeit genommen habe, geeignete Kandidaten für den Beirat zu finden. «Mehr Zeit, mehr Medienarbeit, mehr ehrliches Interesse» für die Opfer sexuellen Missbrauchs hätte es ihrer Ansicht nach von Seiten des Bistums geben müssen. «Es geht um die Außenwirkung, mehr nicht», sagte Wich. «Da werden Betroffene instrumentalisiert.»

Viel Hoffnung, dass der Beirat eine «würdige Vertretung» der Betroffenen im Münchner Bistum sein kann, habe sie nicht. Zum Rücktrittsgesuch von Erzbischof Marx äußerte sie sich zurückhaltend: «Möglicherweise beginnt er nun wirklich, sich mit dem Thema ernsthaft auseinanderzusetzen – sollten das seine tatsächlichen Beweggründe sein», sagte sie. Es sei zuviel geschehen in der Vergangenheit, was der ehrlichen Aufarbeitung bedürfe. Aber: «Endlich kommt Bewegung in dieses erstarrte Bistum.»

© dpa-infocom, dpa:210607-99-889373/4