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Kliniken erneut vor hartem Winter: Corona-Zahlen steigen

München (dpa/lby) – Die Corona-Inzidenz steigt auf immer neue Rekordwerte, die Krankenhaus-Ampel zeigt in immer mehr Landkreisen Rotlicht, immer mehr Landkreise und kreisfreie Städte ziehen schon die Notbremse: Bayern steht vor herausfordernden Wochen in der Corona-Politik. Das Kabinett von Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der einen weiteren Lockdown unbedingt verhindern will, kommt am Mittwoch per Videoschalte zu einer Sondersitzung zusammen und will schärfere Maßnahmen zumindest in Hotspots beschließen.

Nach besonders betroffenen Gegenden in Oberbayern kam der Regierung am Montag auch der Bezirk Niederbayern zuvor. Wegen dramatisch steigender Fälle von Krankenhauseinweisungen wegen Corona-Infektionen gilt in allen Landkreisen und kreisfreien Städten des Regierungsbezirks eine Verschärfung der Maßnahmen – etwa die Pflicht zum Tragen von FFP2-Masken, wo bisher medizinische Masken ausreichten, oder die Zulassung öffentlicher Veranstaltungen ausschließlich für Geimpfte und Genesene (2G).

Landesweit steht den Kliniken im Freistaat im zweiten Corona-Winter nach Angaben der Krankenhausgesellschaft eine neuerliche schwere Belastungsprobe bevor. «Wir haben die große Sorge, dass wir in eine Situation kommen, die mindestens so schlimm und bedrohlich ist wie im letzten Winter», sagte Roland Engehausen, Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft, am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur. «Der aktuell rapide Anstieg der Infektionszahlen wird die Krankenhäuser in etwa zwei Wochen erreichen.» Am Dienstag zeigte die landesweite Krankenhaus-Ampel noch Grün.

Am Dienstag lagen laut Divi-Intensivregister 455 Covid-Patienten auf den bayerischen Intensivstationen, fast 200 mehr als vor zwei Wochen. Da vom Zeitpunkt einer Ansteckung bis zu einer tatsächlichen Erkrankung Zeit vergeht, spiegelt diese Zahl aber nicht das aktuelle Infektionsgeschehen wider.

Derweil steigen die Corona-Infektionszahlen in Bayern weiter. Am Dienstag gab das Berliner Robert Koch-Institut die landesweite Sieben-Tage-Inzidenz pro 100.000 Einwohner mit dem neuen Rekordwert von 248,9 an – leicht über der Inzidenz vom Vortag in Höhe von 248,1. Die bundesweit höchste Inzidenz wies den RKI-Zahlen zufolge weiterhin der Landkreis Mühldorf am Inn mit 650,7 auf. Dies ist etwas weniger als der Rekordwert von 654,2 vom Vortag.

Allerdings können die Zahlen des RKI vom Dienstag nach dem langen Feiertagswochenende verzerrt sein. Meldungen einzelner Gesundheitsämter könnten feiertagsbedingt verspätet eingegangen sein und erst in den Folgetagen in die Statistik einfließen.

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist allerdings bei der Bemessung der Infektionslage nicht mehr die entscheidende Größe. Bei einer Impfquote von mehr als 64 Prozent in Bayern wird inzwischen mehr auf die Krankenhausbelegung geschaut – dargestellt mit der sogenannten Krankenhaus-Ampel. Diese steht landesweit noch auf Grün.

Bayernweit kamen von Montag auf Dienstag binnen 24 Stunden 2327 neue Corona-Infektionen und sieben Todesfälle neu hinzu, wie aus den Zahlen des RKI hervorgeht.

Die Corona-Politik der Landesregierung gerät angesichts der erneut hohen Zahlen weiter in die Kritik. Die FDP forderte am Dienstag, Tests auf das Corona-Virus wieder kostenfrei anzubieten. Seit geraumer Zeit sind die Tests nur noch in Ausnahmefällen kostenlos.

Die Regierung müsse sich nun ihre Fehleinschätzung eingestehen und schnellstmöglich zu kostenfreien Corona-Tests zurückkehren, sagte FDP-Landeschef Daniel Föst. «Insbesondere vor dem Hintergrund der sich mehrenden Impfdurchbrüche und der saisonal schwierigen Wintermonate brauchen wir das Testen als zusätzliche Säule im Pandemie-Management», sagte er.

Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) widersprach: «Die Möglichkeit, sich gegen eine Impfung zu entscheiden und dafür nur auf Testungen zu setzen, kann nicht dauerhaft finanziell von der Allgemeinheit getragen werden», sagte er. «Nur Impfungen bieten maximale Sicherheit. Das Impfen ist daher klar unser Weg aus der Pandemie», betonte der Minister. 70 Prozent der Bevölkerung seien ohnehin bereits vollständig geimpft oder von einer Infektion genesen.

Auch der Chef der Krankenhausgesellschaft, Roland Engehausen, äußerte sich kritisch über politische Entscheidungen der Vergangenheit. «Man muss leider feststellen, dass wir abgesehen von den Impfmöglichkeiten relativ wenig aus dem vergangenen Winter gelernt haben», sagte er. «Im Sommer wird die Lage auf die leichte Schulter genommen, es wird politisch über Lockerungen gesprochen anstelle einer systematischen Vorbereitung für die Verschlechterung der Lage im Herbst und Winter.»

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