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Aus für Seniorenresidenz Schliersee

Schliersee (dpa/lby) – Die wegen Pflegemängeln in die Kritik geratene Seniorenresidenz Schliersee schließt endgültig ihre Pforten. Bis Ende der Woche sollen alle Bewohner die Einrichtung verlassen. Auch für die letzten drei Senioren sei nun eine Lösung gefunden, teilte die Sprecherin des Landratsamtes Miesbach am Dienstag mit. Das Haus, das ehemals Platz für rund 140 Senioren bot, muss wegen gravierender Pflegemängel schließen. Bewohner sollen unzureichend betreut worden sein.

Zuletzt hatten in dem Heim Anfang September 46 Menschen gelebt. Nahezu täglich zögen seitdem Bewohner aus, hieß es bei der Heimleitung. Der «Münchner Merkur» hatte darüber berichtet.

«Wir werden am Freitag die letzten Bewohner in ihre neuen Unterkünfte begleiten lassen», sagte Heimleiter Robert Jekel der dpa. «Wir sind bis zum letzten Tag genug Personal, um die uns anvertrauten betagten Menschen zu versorgen und zu pflegen. Wir werden uns aufrecht verabschieden.» Alle Mitarbeiter, die zum Teil viele Jahre in dem Heim gearbeitet hatten, seien gekündigt worden. Jekel hatte die Heimleitung im vergangenen Jahr erst nach Bekanntwerden der Missstände übernommen.

Die Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht (FQA) als Heimaufsicht hatte den Betrieb des Heimes untersagt. Demnach hätte der Betreiber bis zum 30. November Zeit für die Abwicklung. Allerdings hat die Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassen (ARGE) den Versorgungsvertrag zum 30. September gekündigt. Damit ist der Einrichtung de facto die wirtschaftliche Grundlage entzogen.

Die Staatsanwaltschaft München II ermittelt seit langem wegen des Verdachts auf Körperverletzung im Fall von 88 Bewohnern. Es habe in dem Heim verwahrloste und unterernährte Menschen gegeben, hieß es dazu. Zudem werden laut einer Sprecherin der Anklagebehörde 17 Todesfälle untersucht. Wegen des Verdachts des Abrechnungsbetruges ermittelt auch die dafür zuständige Generalstaatsanwaltschaft in Nürnberg, ein Ende sei derzeit nicht absehbar, sagte ein Sprecher.

Die Behörden waren nach einem Corona-Ausbruch im April 2020 auf das Heim aufmerksam geworden, nachdem es binnen weniger Tage sieben Sterbefälle mit oder an Covid-19 gab. Soldaten der Bundeswehr wurden zur Unterstützung des Personals eingesetzt, um den Infektionsschutz umzusetzen. Es wurde Strafanzeige gestellt.

Seither habe durchschnittlich einmal pro Monat eine unangekündigte Kontrolle stattgefunden, berichtete das Landratsamt. Alle Verstöße seien konsequent geahndet worden; es seien Zwangsgelder in mittlerer fünfstelliger Höhe verhängt worden.

«Wir haben alles gegeben, mussten aber feststellen: Es klappt nicht in der Einrichtung. In der Gesamtschau stellt sich keine Verbesserung, sondern eine Verschlechterung der Situation für die Bewohner ein», sagte Landrat Olaf von Löwis (CSU) vor kurzem. Man habe die Reißleine ziehen müssen. Im September habe ausreichend Material als Grundlage für die Betriebsuntersagung vorgelegen.

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